Heute Als nichts
besser war
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mir was
Mal
mir was
Post..?

»Warum starren die so?«, fragte ich zaghaft in die Runde.
»Vielleicht sind es Zombies, die schon ewig keine frischen Gehirne mehr bekommen haben«, wisperte Laura, was die Situation nicht wesentlich verbesserte.
Man ging ein bisschen schneller, Hände krampften sich um Lunchpakete, sodass noch mehr Bananen ihr halbflüssiges Inneres offenbarten. Und in diesem idyllischen Bergdorf gab es nicht mal einen Penner, dem man das tropische Obst hätte spenden können.
»Es könnten auch Vampire sein«, sprach Laura kurz bevor wir die Kirche betraten. »Mit den modernen Sonnencremes Lichtschutzfaktor 50 können die auch tagsüber raus.«
Dieser Gedanke begleitete uns auf unvorteilhafte Weise in das alte Gemäuer, wenn es auch mehr die plötzliche Kälte war, die uns frösteln ließ.
Wir sammelten uns im Vorraum, die schwere Holztür fiel gespenstisch nachhallend ins Schloss. Eigentlich hätte uns an dieser Stelle jemand abholen sollen, doch kein Touristenführer war in Sicht. Die Tür auf der anderen Seite des Raums war in der oberen Hälfte trübe verglast und gab den Blick auf die Kirchenbänke und einen einigermaßen prächtig verzierten Altar frei.
»Jetzt haben wir die Hauptattraktion gesehen, da können wir doch wieder gehen, oder?«, sagte jemand halblaut und fing einen zurechtweisenden Blick von Frau Schmitt. Doch auch die Lehrer machten keinen all zu fröhlichen Eindruck mehr.
»Ah, ich habe Sie schon erwartet!«, erklang eine Stimme aus dem Nichts.
Eine kurze Massenpanik brach aus, bis alle registriert hatten, dass die Worte von einer kleinen, alten Frau mit riesiger Brille gekommen waren, die unbemerkt durch die halb verglaste Tür eingetreten war. Die Massenpanik setzte etwas unauffälliger wieder ein, als man den faszinierten Blick und das radioaktiv strahlende, kaffeeverfärbte Lächeln der kleinen, alten Frau bemerkte.
»Ich heiße Gudrun Bräunling und werde mit Ihnen die Führung durch die Kirche machen«, sprach sie übertrieben freundlich und als wäre sie gar nicht gruselig. Dabei schüttelte sie erst Frau Schmitts und dann Herr Kulosiks starre Hand, allerdings ohne sie anzuschauen. Ihr Blick wanderte unbeirrt und tendenziell blutgierig von einem Schüler zum anderen. »Das ist … schön«, sagte Herr Kulosik, um den Eindruck eines Dialogs zu erzeugen.
»Ihr seid bestimmt eine sehr wissbegierige Klasse«, vermutete die unheimliche Frau Bräunling, nachdem sie den Nährstoffgehalt jedes einzelnen Schülers genau abgeschätzt hatte. »Da wollen wir doch am besten gleich anfangen.«
Sie zog die Glastür auf und bat uns alle, hindurchzutreten. Vom Raum mit dem Altar schien nur das erste Drittel regelmäßig genutzt zu werden, über die restlichen Bänke und in allen Ecken spannten sich kunstvolle, unberührte Spinnennetze. Die Spinnennetze in Kombination mit der hinter uns zu fallenden Tür verursachten für einen Moment die eine oder andere beunruhigende Assoziation.
Frau Bräunling, das durch die Reihen laufende Schaudern gepflegt ignorierend, bewegte sich zielstrebig auf den Altar zu, wobei sie ein wenig hinkte, und beorderte uns mit unmissverständlichen Handbewegungen herbei.
»Kommt doch noch ein bisschen näher, dann muss ich nicht so schreien.«
Über den halben Meter, den die Gruppe daraufhin insgesamt näher rückte, schien sie sich außerordentlich zu freuen.
Der nun beginnende Vortrag wurde im fröhlichen Sendung-mit-der-Maus-Ton gehalten und wir erfuhren viel über die Erbauer der Kirche, den Altar, die Mosaikfenster und die vor sich hin modernden Heiligenfiguren, was wir zwei Minuten später wieder vergaßen. Die Hauptaufmerksamkeit lag ja auch darauf, hastige Bewegungen oder plötzlich ausklappende Reißzähne der alten Frau rechtzeitig zu erahnen.
»Und jetzt«, wurden wir durch einen veränderten Tonfall aufgeschreckt, »gehen wir in die Gruft!«
Niemand wollte in die Gruft. Nicht, so lange ungeklärt war, welcher Untoten-Spezies die Touristenführerin und die anderen Dorfbewohner angehörten. Ich fing einige panische Blicke auf, die ich nur zu gerne erwiderte.
»Unsere Gruft ist nichts Besonderes, wir haben hier nicht die Gebeine eines Heiligen oder solche Dinge«, erklärte Frau Bräunling vor der Treppe, »denn hier hat leider nie einer gelebt. In der Gruft wird nur Wein gelagert. Aber ich dachte mir, für euch junge Leute ist das trotzdem interessant, ihr mögt doch ein bisschen Grusel.«
Gruselig war vor allem, wie sie ›junge Leute‹ betonte.
Die Stufen nach unten waren schlecht beleuchtet und unverkennbar aus Naturstein, der mit den Jahrhunderten etwas an Stabilität verloren hatte. Unter diesen Bedingungen drängte sich der Gedanke auf, der im Keller gelagerte Wein sei nicht nur das Blut Christi, sondern vielmehr hausgemacht. Das behielt ich angesichts der guten Akustik dieser Räume aber lieber für mich.
»Da drüben ist der Raum mit den Weinfässern. Die lagern wir hier für das Gasthaus, weil dessen Keller nicht groß genug ist«, sprach Frau Bräunling und ließ uns einen Blick auf die Fässer werfen. »Die reichen ein ganzes Jahr lang – zumindest, wenn der Pfarrer sich nicht zu oft heimlich bedient.«
Wir lachten höflich und nervös.
»Ja, wisst ihr, einmal in einem ganz schlechten Jahr gab es in der Gaststätte zwei Wochen lang keinen Wein mehr, bevor der Lieferwagen kam. Und das mitten im Winter!« Wir lächelten voll Anerkennung darüber, dass das Dorf diese schwere Zeit überstanden hatte.
»Und hier drüben haben wir auch noch einen anderen Raum«, wurden wir weitergetrieben. »Der ist ungenutzt, da können wir alle zusammen rein gehen und uns umschauen. Ist das nicht faszinierend? So was sieht man in der Stadt bestimmt nie.«
So was musste man auch nicht sehen. Es war ein leerer, dunkler Kellerraum mit Steinboden, Steinwänden und Steindecke, in dem ein paar Spinnen ihr Dasein fristeten und in den eine kleine Schulklasse einigermaßen bequem hineinpasste. Der Raum mit den Weinfässern hatte wenigstens elektrisches Licht gehabt. Hier leuchtete Frau Bräunling mit einer alten Öllampe nacheinander alle Ecken aus. In Ecken mit Schülern verweilte sie am längsten, um diese gut anstarren zu können.
»Also, wie gesagt, wir haben hier keine berühmten Gebeine und der Raum ist ungenutzt, aber wenn doch mal jem…, äh, ein Heiliger stirbt, haben wir dann ja genug Platz.«
Sie strahlte über diesen großartigen Witz, doch niemandem war entgangen, dass sie zuerst ›jemand‹ statt ›ein Heiliger‹ hatte sagen wollen. Da half es auch nicht, dass sie jedem der schreckensstarren Gesichter ein freundliches Lächeln schenkte.
»Wir gehen dann mal wieder nach oben.«
Diese Ansage löste den Schock etwas, aber die verschärfte Aufmerksamkeit, mit der man die Umgebung und vor allem Frau Bräunling ununterbrochen observierte, blieb. Erst als wir vollzählig den oberen Treppenabsatz erreichten, erschien die Lebensgefahr ausgeräumt.
Unter den gegebenen Umständen fiel der Abschied sehr kurz aus, doch es wurden beim Verlassen der Kirche überraschend wenige Körperteile gegen Türrahmen gequetscht und fremde Füße betreten. Einmal, kurz bevor ich von einem unkontrolliert herumschleudernden Ellbogen am Kiefer getroffen wurde, blickte ich unauffällig zurück. War das wirklich Blutgier auf dem Gesicht der alten Frau oder doch eher schiere, überquellende Freude?

»So, jetzt setzen wir uns da auf die Bänke am Brunnen und essen unsere Lunchpakete!«, verkündete Frau Schmitt einige Meter von der Kirche entfernt den Plan für die Mittagszeit. Unwilliges Murren erklang von allen Seiten, man kannte ja das durchschnittliche Lunchpaket. Und dieses spezielle war sicher kein überdurchschnittliches. Natürlich soll man nicht wählerisch sein, wenn man kurz vor dem Hungertod steht (Es hatte ja nicht jeder um 2 Uhr nachts Gemüseeintopf gegessen, haha.), aber Lunchpakete führen zu Ausnahmesituationen.
»Können wir nicht stattdessen in die Gaststätte gehen?«, fasste Kilian schließlich den diffusen Protest der Masse in Worte. »Die, die die nette, alte Frau erwähnt hat. Ist doch auch eine Sehenswürdigkeit.«
»Nein, wir haben Lunchpakete, also werden auch die Lunchpakete gegessen«, stellte Frau Schmitt eiskalt klar. »Außerdem, ich geh doch nicht mit einer Klasse essen!« Herr Kulosik untermalte diese Worte visuell, in dem er zustimmend streng guckte.
Das unwillige Murren ging in leise brodelnden Hass über. Diese Schlacht war verloren, bei Frau Schmitt hieß Nein Nein. Wir stapften zurück zur Mitte des Dorfes, wo mitten auf der Straße ein dekorativer Brunnen mit kreisförmig drum herum angeordneten Bänken stand. So was konnte man hier guten Gewissens machen, ich hatte noch kein einziges Auto gesehen.
Trotz der absolut unumstößlichen Unbereitschaft der Lehrer, das örtliche Nahrungsangebot zu nutzen, drückten wir alle weiterhin auf sehr menschliche Weise unsere Verzweiflung über die Widerlichkeit und den geringen Nährstoffgehalt der Lunchpakete aus. Jammern, jammern, jammern.
»Warum müssen wir harte, trockene Brötchen essen?«
»Der Apfel besteht nur aus Druckstellen!«
»Dieses Trinkpäckchen schmeckt nach Plastik!«
»Die Schokoriegel sind abgelaufen – vor zwei Jahren!«
»Die Bananen sind nicht mehr matschig, die sind flüssig!«
Ungerührt kauten Frau Schmitt und Herr Kulosik an ihren eigenen Brötchen und Äpfeln, die sich nicht von denen in den anderen Lunchpaketen unterschieden. Wenn auch mit mäßigem Erfolg, denn beide hatten schon einige Dritte Zähne.
Dieses Verhalten machte uns noch wütender. Und die Dorfbewohner machte es anscheinend neugierig, denn sie waren wieder an die Fenster oder vor ihre Häuser getreten. Irgendetwas sagte mir, es sei nicht sehr empfehlenswert, unter den Augen dieses Publikums meine ungenießbare Banane einfach unter der Bank auszusetzen.
Nach einigen geschmacklich unschönen Minuten kamen die Zwillinge Tara und Tanita als Erste auf die Idee, die in Plastik eingeschweißten, wie in einem Feuer umgekommen aussehenden Brezeln zu probieren.
»Iiiih! Das ist ja noch grauenhafter als das andere Zeug!«, folgte sogleich die Reaktion.
»So stell ich mir asphaltiertes Pappmachée vor!«
So eine Beschreibung weckte natürlich neugieriges Interesse, und ein paar andere Leute bissen vorsichtig in eine Brezel. Ich konnte darauf verzichten, ich verließ mich ganz auf den ersten Testbericht.
»Uh ja. Wie jahrelang unter ’ner Matratze gelegen«, bestätigte Paul.
»Probieren Sie auch mal die Brezeln!«, rief Sara in Richtung der Lehrer. »Aber nicht runterschlucken!«
Zuerst schienen die beiden auch diese Beschwerde ignorieren zu wollen, dann nahmen sie sich der Sache doch an, und kamen ebenfalls zu dem Ergebnis, dass das Zeug nicht mehr ganz frisch sein konnte.
»Also gut«, sagte Frau Schmitt nach kurzer Beratung, »wir gehen in die Gaststätte. Ihr habt ja hoffentlich alle Geld dabei.«
Anfänglicher Unglauben. Allmähliches Begreifen. Erleichterung. Freude. Jubel. Euphorie. Siegestaumel. Neuer Lebensmut.
»Wir kriegen richtiges Essen!«, kreischte Nadine mir ins Ohr, während sie mich freundschaftlich umarmend würgte. »Mit Kohlenhydraten und Eiweiß und Vitaminen!«
Fantastisch. Bevor mir einen Moment lang schwarz vor Augen wurde, sah ich sogar Laura glückselig strahlen, die von Jonas, welcher ganz zufällig in ihrer Nähe gewesen war, elegant im Kreis gewirbelt wurde.
»Auf geht’s«, kommandierte Frau Schmitt, nachdem sie die Überreste ihrer bescheidenen Vorspeise weggepackt hatte. Nichts in ihrer wie immer gefassten Miene oder im Tonfall wies darauf hin, dass sie darüber nachdachte, wie es wohl wäre, Schülern einfach mal öfters so einen Gefallen zu tun, aber in den letzten vier Jahren hatten wir gelernt, dass das nichts heißen musste. Trotz des Berufs war sie irgendwo noch Mensch geblieben.
Die Gaststätte lag, wie eigentlich alles in diesem Dorf, nur ein paar Schritte entfernt und wurde schnell von den ersten Hungrigen fröhlich schnatternd gestürmt. »Die machen heute ein verdammt gutes Geschäft«, kommentierte Marcella grinsend.
»Sogar ein noch besseres, als du dachtest«, meinte Laura, wieder in diesem beunruhigenden Ton. »Schaut mal ganz vorsichtig nach hinten.«
Anscheinend war das ganze Dorf spontan auf die Idee gekommen, mal wieder essen zu gehen. Und das lag vermutlich nicht an der besonders guten Qualität der Küche.



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chaste & yvi