Heute Als nichts
besser war
Dahinter Werke Erzähl
mir was
Mal
mir was
Post..?


Zur Frühstückszeit sah der Gemeinschaftsraum ein bisschen leer und verwaist aus. Unsere Prophezeiung bezüglich der zusätzlichen Essensrationen für alle, die kostenlosen Getränken aus großen Behältern nicht über den Weg trauten, hatte sich erfüllt.
»Wo sind denn alle?«, fragte Frau Schmitt, nachdem sie nur 10 Schüler gezählt hatte.
»Also Paul, Yasir und Tobias lassen sich seit’n paar Stunden ihr Abendessen noch mal durch den Kopf gehen«, sagte Kilian und kicherte auf eine gemeine, wirklich bedenkliche Art und Weise.
»Sei nicht so schadenfroh«, zischte ich und gab ihm einen Klaps auf den Hinterkopf. Dass er die tatsächliche Bedeutung ›Mach deine Schadenfreude nicht so offensichtlich‹ herausgehört hatte, erschien mir eher unwahrscheinlich.
»Die anderen auch«, führten Tara und Tanita die Unterhaltung mit der Lehrerin fort. Sie waren völlig identisch aussehende Zwillinge, die sich zu allem Überfluss auch noch die gleiche riesige Brille und die gleiche schwarze Kringellöckchen-Frisur zugelegt hatten.
»Oh. Die Armen. Wo könnten sie sich das denn bloß geholt haben?«, sinnierte Frau Schmitt.
»Der Tee. Es muss der Tee sein!«, erklärte Jonas, wollte dramatisch in die Hände klatschen, riss sie meilenweit aneinander vorbei, verlor auf seinem wackeligen Stuhl das Gleichgewicht und fiel ganz zufällig gegen Laura.
»Der Tee? Kann nicht sein. Ich hab auch den Tee getrunken und mir geht es ganz fantastisch«, meinte der große, dicke Michael, den sowieso nichts so schnell umhauen konnte. Also keine repräsentative Aussage.
»Hm«, machte Herr Kulosik sehr detektivisch, um auch einmal etwas zur Diskussionen beigetragen zu haben.
»Also, also ich hab gestern Nacht gesehen, wie die Wirtin den Behälter mit Spülwasser aufgefüllt hat«, krächzte Lotti unter Aufbringung seiner letzten Kräfte, warf noch eine Kopfschmerztablette ein und bettete dann seufzend den Kopf auf sein Butterbrot.
Auf den Gesichtern der Lehrkräfte breitete sich nun die äußerst selten zu beobachtende, exakte Entsprechung des Ausdrucks ›WTF!?‹ aus, während Michael aufsprang, sich die Hände vor den Mund presste und fluchtartig den Raum verließ.
»Tehe, jetzt haben wir noch mehr zu essen«, sprach Kilian in die Stille hinein und versuchte, Jonas High-Five zu geben, doch der verfehlte die Hand kläglich und fiel in die physikalisch unlogische Richtung, um Laura zu sagen, wie toll die Idee mit dem abgekochten Wasser sei.
Nachdem ich Kilian unter dem Tisch getreten hatte, widmete ich mich peinlich berührt meinem steinharten, trockenen Stück Brot, das mit vier dieser winzigen, umweltunverträglich abgepackten Butterstückchen und einer dünnen Schicht chemisch schmeckender Marmelade bedeckt war, und ging dabei mit gutem Beispiel voran.
»Ich hasse mein Frühstück«, flüsterte Laura nach einiger Zeit.
»Ich hasse mein Frühstück, aber wenn ich es nicht esse, werde ich diese Woche nicht überleben«, flüsterte Nadine.
»Ich hasse mein Leben«, flüsterte Marcella.
»Hihi, mein Frühstück ist kariert«, flüsterte Kilian, der mit dem Messer ein Muster in die Butter geritzt hatte.
Ich warf einen Blick zu den Lehrern am Tischende hinüber, um sicher zu gehen, dass sie immer noch mit entgeisterten Mienen leise über die am wenigsten lebensgefährliche Methode, die Wirtin auf ihr Fehlverhalten hinzuweisen, berieten.
»Habt ihr die Pilze?«, fragte ich Kilian und Jonas.
Kilian patschte mir ein wenig zu fest auf den Rücken und profilierte sich gegenüber Jonas, wie klug seine kleine Johanna sei.

Das Tagesprogramm begann mit einer Gruppenmeditation. Das war genauso, wie es klingt. Wir saßen in einem großen Kreis auf der Wiese und Frau Schmitt gab Sätze von sich, wie man sie auf diesen Autogenes-Training-Kassetten, welche so entspannend sind, dass man sie am liebsten schreiend gegen die Wand werfen möchte, findet.
Wir mussten diese Veranstaltung nicht mutwillig sabotieren, das erledigten die Schüler und Schülerinnen, die gelegentlich sehr plötzlich aufspringen und ganz schnell mal wo hin rennen mussten, ganz nebenbei.
Nur Kilian und Jonas ließen sich davon nicht aus ihrer Konzentration reißen, denn sie sahen die Krabbeltiere im Gras in bunten Farben sowie dutzendfach vergrößert und glaubten, durchgehend 30 Zentimeter über dem Boden zu schweben. Dass Yasir, Tobias und Paul, von denen letzterer die Magic Mushrooms immerhin unter Lebensgefahr an sich gebracht hatte, wenn man den Gerüchten glauben durfte, diese nicht lange genug bei sich hatten behalten können, um diesen Effekt zu erreichen, war schon ein wenig tragisch, denn wo immer Kilian und Jonas gerade waren, schien ein besserer Ort zu sein.
Nicht, dass ich in irgendeiner Weise mit dem Gedanken gespielt hätte, meine Gesundheit und meine Würde ebenfalls gegen einen Kurztrip aus der Klassenfahrtshölle heraus einzutauschen.
Einer der geringfügig konzentrierteren Momente gegen Ende der Gruppenmeditation wurde dadurch zerstört, dass Herr Kulosik von der wüste Beschimpfungen schreienden Wirtin mit einer Bratpfanne aus dem Hauptgebäude gejagt wurde. Er hatte wohl die Sache mit dem Tee und dem Spülwasser erwähnt. Immerhin war die Bratpfanne, die ihn schließlich am Rücken traf, weil er nicht schnell genug rennen konnte, sauber. Ich konnte sie zwar aus dieser Entfernung nicht genau erkennen, aber so selten, wie diese Pfanne wahrscheinlich benutzt wurde, konnte sie nur sauber sein. Das war bestimmt ein Trost für Herrn Kulosik.
»Ihr habt jetzt zwei Stunden zur freien Verfügung«, beendete Frau Schmitt die Phase der Konzentration und Entspannung etwas abrupt, und trabte davon. Vermutlich, um der Wirtin die Pfanne zurückzubringen.

Zeit zur freien Verfügung war auch nicht spaßiger als Zeit mit Programm. Dies lag an fehlenden Beschäftigungsmöglichkeiten (nach einer Stunde waren wir von allen Kartenspielen, die wir kannten, unglaublich gelangweilt), am tropischen Klima, das der Tag sich seiner Mitte zuneigend entwickelte, und am chronischen Hunger.
Während andere Leute ihre gemarterten Füße schonten und auf dem Boden vor der Hütte vor sich hin dämmerten, tapste ich in einer Stimmung nahe dem absoluten Nullpunkt übers Gelände und schaute nach, ob der tote Fuchs noch da war. Er war es nicht, aber dafür sah ich an diesem Tag so viel Erbrochenes wie nie zuvor in meinem Leben, was allerdings nur kurzfristig gegen den Hunger half. Außerdem entging ich nur knapp einer nervenaufreibenden Killerhornissenattacke. Das sind die Dinge, die man verpasst, wenn man sich vor Klassenfahrten drückt.
Auf einem halb verrotteten Holzzaun am Rand der Lichtung sah ich Kilian sitzen. Er wirkte ein wenig niedergeschlagen, also wie alle Leute eigentlich.
»Hi Kilian«, begrüßte ich ihn und platzierte mich ebenfalls auf dem Holzzaun, der daraufhin unwillige Geräusche von sich gab.
»Hi Johanna«, erwiderte Kilian und starrte mit leerem Blick auf den Boden.
»Ich nehme dir übel, dass du gestern meine halbe Suppe gegessen hast«, sagte ich.
»Das war ich nicht alleine«, verteidigte er sich, was ich überging.
»Hat es dir wenigstens irgendwas genützt?«
»Nein. Hunger. Sterben.« Er bedachte mich mit einem langen Blick, aus dem tiefste Verzweiflung sprach, dann ließ er wieder den rotblonden Wuschelkopf hängen.
»Dadurch, dass du mitleiderregend aussiehst, werde ich dich nicht weniger hassen.«
Eine gesprächsthemenlose Pause entstand.
»Wo sind eigentlich deine Freunde?«, fragte ich schließlich.
»Pilze sammeln.«
»Ah.«
»Und deine?«
»Liegen irgendwo rum und warten auf den Tod.«
»Aha.«
»Ich hab Hunger«, stellte ich fest.
»Ich auch. Ich hatte nur vier steinharte Scheiben Brot mit Industrieabfällen drauf zum Frühstück.«
»Ich will nach Hause. Hier ist alles so deprimierend und genau so, wie ich es mir vorgestellt hatte.«
»Vielleicht hilft es, wenn wir in den Wald gehen und unsere Unschuld verlieren.«
»Bist du noch high?«
»Nein.«
»Sorry, ich hatte eigentlich vor, mich für den Mann aufzusparen, den ich heiraten will.«
»Ich dachte, du wolltest mich heiraten.«
»Als ich das gesagt habe, war ich elf und kannte die Welt noch nicht.«
»Jetzt bin ich auch deprimiert.«
»Das tut mir leid. Aber wir können gerne Freunde bleiben.«
»Cool.«
Gespräche wie dieses führten wir öfters. Ohne Zuschauer fehlte leider ein bisschen der Reiz zu mehr Melodramatik.

»Wir sollten uns glücklich schätzen«, sagte Marcella, als wir uns eine halbe Stunde später beim gemeinsamen Malen wiederfanden, »dass wir das hier zum Schleuderpreis bekommen. Andere Leute geben für solche Gruppentherapien ein Vermögen aus.«
»Ich glaube, Frau Schmitt will den Lehrerberuf an den Nagel hängen und testet jetzt an uns, ob sie auch anders Geld verdienen könnte«, vermutete Nadine.
Auf dem Boden lagen mehrere notdürftig zusammengenähte alte Bettlaken, und unsere Aufgabe bestand darin, sie gemeinsam mit in einer Abstellkammer gefundenen Farben zu bemalen und dabei nicht die Schwermetalldämpfe einzuatmen.
Frau Schmitt ging herum und strahlte Lena, Mandy und Christine an, die Regenbögen und hellblaue Ponys malten. Frau Schmitt ging weiter und strahlte den kleinen Stefan an, der den Geruch der Farbe nicht beunruhigend zu finden schien und sich mit Händen und Füßen auf dem Bild verewigte. Frau Schmitt kam zu uns herüber und strahlte Laura an, die mit Schwarz Wörter wie ›BLUT‹ und ›VERDERBEN‹ geschrieben hatte und sie nun farbig umrandete.
Ich stellte mir vor, es sei tatsächlich eine Gruppentherapie anstatt schlicht und einfach gruselig.

Nach der Malstunde folgte der lang ersehnte mutmaßliche Höhepunkt des Tages, das Mittagessen.
Erschreckend viele Mitschüler trauten sich wieder feste Nahrung zu, sodass wenig Hoffnung auf zufrieden stellende Portionsgrößen bestand.
Dazu tat sich ein weiteres Problem auf. Das Geschirr sah nicht mehr aus wie etwas, von dem man essen möchte.
»Iiih, meine Schüssel ist dreckig!«, bemerkte Christine als erste.
»Herr Kulosik, da ist Gemüse von gestern an meinem Löffel!«, jammerte Tara.
»Das musst du der Wirtin selbst sagen, du bist doch schon groß«, erwiderte Herr Kulosik kleinlaut und blickte nervös um sich.
»Jetzt stellt euch nicht so an, Kinder, das bisschen!«, sprach Frau Schmitt ein Machtwort, um Sekunden später selbst angewidert in ihrer Schüssel herumzukratzen.
Der große Topf wurde herein getragen und die Schlange vor der Essensausgabe bildete sich um einiges schneller als am Vortag. Es galt, Überlebensstrategien zu entwickeln.
Jeder holte sich ein Schüsselchen Nudeln mit Tomatensoße, die irgendwie ein bisschen grau aussah, die Wirtin warf einen prüfenden, bösen Blick in die Runde (Herr Kulosik schrumpfte um ein paar Zentimeter und Frau Schmitt setzte ein angestrengtes Lächeln auf) und verschwand mit dem leeren Topf.
Als sie mit ziemlicher Sicherheit außer Hörweite war, begann man sich über die Mahlzeit zu unterhalten.
»Aaaaaaah! Fffffflllleisch! Ich brauche FLEISCH!«
»Vitamine! Wo sind die Vitamine? Da sind schon wieder überhaupt keine Vitamine drin!«
»Warum ist mein Teller nicht voll?«
»Dominic! Behalt deine Gabel gefälligst bei dir! Mundraub! MUNDRAUB!«
Das war einer dieser Momente, in denen man sich denkt: ›Jemand will mich töten. Um jeden Preis und aus ungeklärter Ursache.‹ So war es gleichzeitig einer dieser Momente, in denen man wenigstens darauf verzichten sollte, sich gegenseitig zu zerfleischen. Dies schien auch Frau Schmitt aufzufallen.
»RUHE!«, kreischte sie. »Jeder setzt sich auf seinen Platz und isst von seinem eigenen Teller! Und keine Beschwerden mehr! Wir werden das ALLES klären!«
Als sie sich schwer atmend wieder ihrem Essen zuwandte, blieb tatsächlich alles ruhig und friedlich. Frau Schmitt konnte sehr überzeugend sein.
Dennoch ließ ich meine Nudeln nicht aus den Augen. Ich wusste ja nicht, zu was meine Tischnachbarn in Notsituationen alles fähig waren.


Zurück 5 Weiter


chaste & yvi