Heute Als nichts
besser war
Dahinter Werke Erzähl
mir was
Mal
mir was
Post..?

»Lasst uns mal überlegen, wie oft wir heute schon hätten sterben können«, schnitt ich ein teilweise neues Thema an.
»Einmal eben, als wir hergelaufen sind«, begann Nadine. »Von wegen Wildschweine, Hornissen und Hitzschlag und so.«
»Und mindestens zweimal im Bus«, fügte Marcella hinzu. »Als der nette Busfahrer noch in der Innenstadt die rote Ampel ignoriert hat und als Herr Kulosik ihn gebeten hat, die Zigarette auszumachen. Da wären wir fast im Graben gelandet.«
»Der Busfahrer war generell ein bisschen unheimlich«, sagte ich.
Alle stimmten darin überein, dass Leute mit solchen gepunkteten Hemden in die Psychiatrie gehörten und nicht ans Steuer eines Busses mit 24 Schülern. Aber mit uns konnte man es ja machen.
»Wir hätten also heute schon etwa dreimal sterben können. In viereinhalb Stunden. Nicht schlecht«, nahm ich den Gesprächsfaden wieder auf. »Lauri, was hast du eigentlich in dein Testament geschrieben?«
»Nur, dass ich verbrannt und in einem Gurkenglas irgendwo am Mainufer bestattet werden will«, erklang es dumpf unter dem Hut. »Und wenn dieser Wunsch nicht respektiert wird, wird meine rastlose Seele für immer im Badezimmer des Verantwortlichen spuken. Auch wenn er umzieht.«
»Das ist mal ’ne Drohung«, meinte Nadine beeindruckt.
Dann schwiegen wir eine Weile und bemitleideten uns selbst. Die anderen zehnten Klassen waren jetzt in Berlin und am Gardasee oder würden noch dorthin fahren. Die anderen zehnten Klassen hatten keine naturverbundene Frau Schmitt.
»Sagt mal, was riecht hier eigentlich so komisch?«, fragte Marcella plötzlich.
Sekundenbruchteile später schlug mir auch ein subtil beißender Geruch nach Mottenkugeln und altem Schweiß entgegen, der ein wenig das Atmen erschwerte.
»Das ist wahrscheinlich nur das alte Massengrab direkt unter den Dielen. Aber keine Angst, die können sich nicht mehr bewegen und tun uns nichts«, vermutete Laura gelassen.
»Nein… Es ist…« Ich untersuchte die verschiedenen Zimmerecken und fand schließlich die Geruchsquelle. »Es ist der Sessel.«
Marcella und Nadine versammelten sich ebenfalls um den gelben Sessel und verzogen angewidert die Gesichter.
»Wäh, tatsächlich. Eben hat er das noch nicht gemacht.«
Wir öffneten die Tür und das Fenster (letzteres hängten wir nun unwillentlich komplett aus) und der Geruch verflüchtigte sich nach etwa einer Minute.
»Spontane Ausdünstungen aus einem Möbelstücks. Das sollten wir beobachten«, stellte ich fest.

Zum Mittagessen trafen wir uns in dem einzigen größeren Gebäude der Anlage. Es war innen mit dem gleichen Holz verkleidet wie die Hütten und in geringfügig besserem Zustand, denn im oberen Stockwerk wohnten das Personal (Es gab tatsächlich einige Menschen, die mitten in der Wildnis, weit weg vom nächsten Mobilfunkmasten, lebten und arbeiten.) und unsere Lehrer.
Im unteren Stockwerk befanden sich eine Küche, ein Vorratsraum und eine Art Gemeinschaftsraum mit einem langen, abgenutzten Tisch, an dem wir nun Platz nahmen. Von den Wänden guckten einige ausgestopfte tote Tiere auf die Anwesenden hinunter, was unter Angehörigen unserer Altersgruppe durchweg eine unbehagliche Atmosphäre schuf. Außerdem wackelten manche Stühle.
Zuallererst klärte uns Frau Schmitt im Plauderton über die Hausregeln auf (nicht trinken, nicht rauchen, kein Drogenhandel, kein schwachsinniges Gekreische, Licht aus um 22 Uhr), erzählte, wo die Toiletten und Duschen zu finden waren (da hinten in dem kleinen Häuschen am Waldrand) und wie der Tagesplan aussah (kollektives Sightseeing und anschließendes Lagerfeuer). Herr Kulosik saß stumm daneben und versuchte, ein bisschen Autorität auszustrahlen.
Dann fand die Essensausgabe statt. Wir stellten uns mit unseren Schüsselchen an einem Ende des Tisches in einer Reihe auf, wo ein großer Topf stand, und die dicke, unfreundlich aussehende Wirtin beglückte uns mit jeweils ein paar Löffelchen Nudelsuppe.
Die Suppe war nur lauwarm und hatte mehr Gemüse als Nudeln, aber sie schmeckte akzeptabel. Das war eine positive Überraschung. Essen bildete auf Klassenfahrten meist eines der größten Probleme.
»Die Vorspeise ist sehr gut!«, sagte Frau Schmitt fröhlich zur Wirtin.
»Nix Vorspeise. Das ist alles. Bei Ihrer Preisklasse ist nicht mehr drin«, antwortete die Wirtin, nahm den Topf und verschwand.
So viel zur positiven Überraschung.
»Das hatte ich mir auch ein bisschen anders vorgestellt«, murmelte Frau Schmitt stirnrunzelnd und löffelte nun deutlich langsamer als vorher. Die entgeisterten Mienen der Schüler versuchte sie zu ignorieren.
Betont unauffällig widmete ich mich als erste wieder meinem spärlichen Mittagessen, bevor jemand anders dies tun konnte. Ich hatte nun wahrscheinlich das größte Problem von allen, denn ich saß zwischen Nadine zu meiner Rechten und meinem geschätzten Freund Kilian zu meiner Linken. Nadine war ein Fass ohne Boden. Sie war groß und Sportlerin und konnte eine halbe Partypizza alleine essen. Kilian war auch ein Fass ohne Boden. Es gab keinen besonderen Grund dafür, aber er konnte die andere Hälfte der Partypizza essen. Ihre Nudelsuppen hatten beide längst verschlungen.
»Isst du das noch?«, drang es von beiden Seiten zuckersüß an meine Ohren.
»Ja«, sagte ich ungerührt und senkte mein Haupt besitzergreifend über den Teller.
Sie blickten mich flehentlich an, aus großen, wässrigen Kulleraugen. Was konnten sie denn dafür, dass sie einen höheren Kalorienbedarf hatten als ich? Vor allem Nadine hatte Mitleid verdient, denn auf dem Weg von der Hütte aus hatte eine Heuschrecke sie angesprungen [»AAAAAAHHHH, es ist in meinen Haaren! Macht das weg! MACHT DAS WEG!«] und sie sah immer noch ein wenig zerzaust und blass von dem Schock aus.
»Och biiitte.«
»Bitte, liebstes Johannalein, ich bin dir auch auf ewig dankbar.«
»Na schön, kloppt euch drum.«
Ich war einfach ein zu guter Mensch.

»Mädels? Warum haben wir keine Dosenravioli mitgenommen?«, jammerte Marcella.
»Weil der Campingkocher schon sperrig und schwer genug war«, seufzte ich.
Ein bisschen sehr leer innen drin saßen wir vor unserer Hütte um den Campingkocher herum und starrten betrübt in das brodelnde Wasser. Wir hatten das Gerät mitgenommen, um das Leitungswasser abzukochen, welches tatsächlich so merkwürdig wie erwartet roch. Den Tee aus einem riesigen Behälter im Gemeinschaftsraum wollten wir auch nicht trinken, denn der Zustand des Behälters machte uns misstrauisch.
»Wenn alle anderen an einer hässlichen Krankheit gestorben sind, kriegen wir ihre Essensrationen«, sprach Laura aufmunternd. Da hatte sie natürlich Recht.
Als das Wasser lange genug gekocht hatte, begannen wir, es in ebenfalls von zu Hause mitgebrachte Plastikflaschen zu füllen. Langsam wurden andere Leute auf unsere ungewöhnliche Tätigkeit aufmerksam und eine kleine Menschentraube bildete sich um den Campingkocher.
»Was tut ihr da?«, fragte Yasir, die auf dem Erdboden stehende Reihe dampfender Plastikflaschen neugierig beäugend.
»Wir kochen Wasser ab«, sagte ich.
»Warum denn das?« Lena und ihre Freundinnen Mandy und Christine, allesamt ein wenig begriffsstutzig, drängten sich belustigt durch die Menge, um einen besseren Blick auf den Topf zu haben.
»Weil im Wasser Bakterien sein könnten und wir keinen Bock haben, die ganze Woche zu kotzen«, explizierte Nadine freundlich.
Einige Mitschüler machte dieser Gedanke sichtbar nachdenklich, die meisten brachen in Gelächter aus.
»Ihr seid ja total bescheuert!«, prustete Christine.
»Nee, paranoider geht’s echt nicht mehr!«, fügte Lena hinzu, während Mandy die Augen verdrehte und sich auf die Backe patschte.
Gnädigerweise zogen die drei daraufhin ab. Ich mochte sie nicht, ihr andauerndes dämliches Gekicher machte mich schon aus 20 Metern Entfernung aggressiv. Immerhin kamen sie selten näher heran als diese 20 Meter. Ich vermutete, dass sie ein bisschen Angst vor Laura und ihren grünen Haaren hatten.
Die Versammlung folgte dem Beispiel der drei Mädchen und löste sich auf. Übrig blieben nur Kilian und Jonas.
»Kann ich auch was haben?«, fragte Kilian kleinlaut, der wusste, dass er meinen Zorn spüren würde, sollte er mich auslachen.
»Ich auch, bitte«, sagte Jonas, der versuchte, Laura zu beeindrucken, seit er in unserer Klasse war. Die schwarz gefärbten Haare und zumindest ein Lippenpiercing hatte er allerdings schon vorher gehabt, das wahrte ein bisschen sein Gesicht.
Wir ließen die beiden ihre eigenen Flaschen holen und teilten das keimfreie Wasser mit ihnen. Die Freude über diese gute Tat lenkte ein wenig vom Hunger ab.
Für noch mehr Ablenkung sorgte Nadine, als sich wieder eine Heuschrecke in ihrer blonden Mähne verfing und sie mit beschlagenen Brillengläsern hilflos kreischend durch die Gegend taumelte.

Frau Schmitts angekündigte Sightseeing-Tour führte uns tief in den Wald, Vegetation angucken. Es überraschte mich ein bisschen, dass manche das überraschte.
Geführt wurden wir vom Förster Herr Lachmann, der wahrscheinlich schon vor langer Zeit die Begeisterung für seinen Beruf und vor allem für diese Zusatztätigkeit verloren hatte. Vielleicht war er aber auch bloß in schlechter Stimmung, weil einige Schüler seinen Namen witziger fanden als er selbst.
Das Wetter wurde am Nachmittag unerträglich heiß und schwül, sogar im Wald. Klassenfahrten fielen für gewöhnlich immer auf die heißeste Woche des Jahres. Der Boden war uneben und mit mörderisch herausragenden Wurzeln gespickt, einen befestigten Weg gab es nicht.
Frau Schmitt war fröhlich und wusste den Ausführungen des Försters zu verschiedenen Pflanzenarten immer etwas hinzuzufügen, was den Förster noch zusätzlich reizte. Herr Kulosik war unauffällig und fand es als Einziger ganz angenehm, dass alle zehn Meter ein beschreibungswürdiger Baum stand.
Lena, Mandy und Christine jammerten, denn sie knickten ständig mit ihren Pfennigabsätzen um oder verloren ihre Flipflops.
Eigentlich jammerten alle, mehr oder weniger auffällig.
»Achtung, ihr dürft auf keinen Fall auf diesen Pilz treten«, sagte der Förster Herr Lachmann wenig enthusiastisch. »Der entwickelt nämlich einen ganz furchtbaren Geruch, wenn er beschädigt wird.«
»Guckt mal, ein Verwandter unseres Sessel«, bemerkte Nadine und versuchte gar nicht, witzig zu sein.
»Ich frage mich, wodurch er beschädigt wurde. Der sieht doch noch relativ ganz aus«, meinte ich.
»Seelisch beschädigt wahrscheinlich«, sagte Laura. »Die Leute haben ihn schon vor 200 Jahren hässlich gefunden, dadurch hat er diese Störung entwickelt. Der Sessel ist ein Opfer der intoleranten Gesellschaft.«
Das war ganz witzig, aber es war zu heiß zum Lachen.
Frau Schmitt erzählte weitere Details über den riesigen, potenziell stinkenden Pilz und machte ein Foto davon, wie sie alle interessanten Pilze und Pflanzen fotografiert hatte. Vielleicht wollte sie ein Lexikon schreiben und damit ihr lächerlich hohes Lehrergehalt aufstocken.
Nach insgesamt zwei Stunden und der abschließenden Präsentation eines vertrockneten Mooses erklärte der Förster die Tour für beendet und stapfte davon. Die Gruppe machte Anstalten, ihm zu folgen, doch Frau Schmitt bestand darauf, uns noch die älteste Fichte des Waldes zu zeigen. Sie hatte das schon die ganze Zeit geplant und eine Wanderkarte sowie einen Kompass eingepackt. Dieses Vorhaben stieß auf einvernehmliches Unverständnis, aber wir hatten ja keine Wahl.
»Leute, wir müssen Brotkrumen ausstreuen«, raunte Paul seinen Freunden Yasir und Tobias zu. »Die Alte will uns in der Wildnis aussetzen!«
»Bist du bekloppt? Wenn wir Brotkrumen hätten, sollten wir sie besser essen!«, entgegnete Yasir.
»Außerdem wurden die Brotkrumen von Vögeln gefressen und Hänsel und Gretel wären deswegen erst recht fast verreckt«, fügte Tobias hinzu.
Auf dem Weg zur ältesten Fichte des Waldes positionierten sich Paul, Yasir und Tobias am Ende der Gruppe bei Herr Kulosik und hinterließen mit großen Stöcken auffällige Spuren in der Erde.


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chaste & yvi