Heute Als nichts
besser war
Dahinter Werke Erzähl
mir was
Mal
mir was
Post..?

Es war kurz vor Mittag, als man sich zum Aufbruch bereit machte.
„Warum muss diese seltsame Ministerin für Äußere Angelegenheiten uns eigentlich persönlich in ihr Büro bestellen? Gelten telefonische Abmachungen heute denn nichts mehr?“, philosophierte Chayenne, während sie die eventuell benötigten Ausrüstungsgegenstände mehr oder weniger ordentlich in die Fähre verfrachteten.
„Vielleicht ist sie ja so paranoid, dass sie uns real vor sich haben muss, um abschätzen zu können, ob wir nicht doch eine Bedrohung sind“, meinte Roger und nahm ihr galant einige Ausgrabungsgeräte ab, die deutlich schwerer waren, als sie aussahen. „Würde ja zu der allgemeinen Einstellung dort unten passen. Vielleicht ist die arme Frau aber auch ganz anders gestrickt und langweilt sich, weil sie in ihrem Job nichts zu tun hat.“
„Halte ich beides für möglich“, kommentierte Chayenne und stellte erleichtert fest, dass nun das gesamte Gepäck verstaut war. Da Björn und Hitch, die auch mit sollten, immer noch nicht da waren, nahm sie das als willkommene Gelegenheit, ihn zu küssen.
Sie versuchten, die Nachwirkungen des nächtlichen Gesprächs in diesem halbwachen, überdurchschnittlich emotionalen Zustand so weit wie möglich auszublenden, ebenso wie die Bedeutung des Tages. Es sollte doch ein Tag der Hoffnung werden.

Das Empfangskomitee, das sie am punktgenau festgelegten Landeplatz der Fähre antrafen, bestand aus Leuten mit Helmen, Gewehren und schusssicheren Westen. Die höfliche Aufforderung, ihnen zu folgen, neutralisierte allerdings den größten Teil ihrer Bedrohlichkeit. Und nun wusste man auch, wie in etwa man sich den Übergang zwischen Vorsichtsmaßnahme und Paranoia vorzustellen hatte.
Die vom Körperbau humanoiden Illendyr mussten in ihren Nahkampfrüstungen furchtbar schwitzen, denn die Sonne des Nordhalbkugel-Sommers brannte unerbittlich. Chayenne war die einzige, die sich über dieses Klima freuen konnte.
Die Sicherheitskräfte, acht an der Zahl, die die Gruppe zu beiden Seiten flankierten, führten sie quer über den abgeschirmten Landeplatz in das verhältnismäßig kleine aber gut gepflegte Gebäude, durch einen kurzen Korridor und schließlich in ein Designerstück von Büro.
Die Person, deren Entscheidung sie nun ausweglos ausgeliefert waren, erhob sich würdevoll.
Ministerin K’Alanne Areth war eine beeindruckende Erscheinung. Ihre fast zwei Meter große, tiefschwarze Gestalt strahlte ein ungeheures Maß an Charisma aus, und aus dem ebenmäßigen, alterlosen Gesicht blickten kluge und kritische Augen, die jeden Zweifel an der Zurechnungsfähigkeit dieser Frau ausräumten.
Nachdem sie die Gäste einige lange Sekunden durchdringend und gleichsam neugierig betrachtet hatte, bedeutete sie den Waffenträgern, die sich ordentlich vor der Rückwand aufgereiht hatten, zu verschwinden.
Areth schein eine Vorstellungsrunde nicht für nötig zu halten, sondern kam gleich auf die Sache zu sprechen.
„Ich bin ansatzweise von Ihrem Anliegen in Kenntnis gesetzt worden“, sagte sie in ihrer melodischen Sprache, während das Übersetzungsgerät die Worte fast zeitgleich übertrug, „aber die Informationen waren ein wenig schwammig. Das Ministerium nimmt seine Aufgaben, gelinde gesagt, nicht besonders ernst, deswegen will ich das lieber von Ihnen persönlich hören.“ Begleitet wurden die Worte von einem vor Sarkasmus triefenden Lächeln, wenn man die Mimik der Illendyr richtig interpretierte. Vielleicht waren sie tatsächlich an genau die richtige Person geraten.
Sie erzählten von der Heimat, von der Mission, von den Umständen, die dazu geführt hatten, dass sie Hilfe brauchten, von der Größenordnung, in der sich der Tricarantium-Bedarf bewegte. Dabei versuchten sie, möglichst mitleiderregend auszusehen, was die Ministerin schon nach kurzer Zeit zu amüsieren schien.
„Das ist kein Problem“, meinte sie schließlich. „Also für mich nicht, für die meisten anderen Leute schon, aber da ich in diesem Staatsapparat gewisse Befugnisse habe, sage ich, dass es keins ist.“ Sie machte keinen Hehl daraus, dass sie ihre Macht auf gewisse Weise genoss.
„Das freut uns zu hören“, sagte Roger.
Areth grinste freundlich, wurde dann aber ernster. „Wissen Sie, ich hasse diesen Posten, der ist einfach frustrierend. Aber irgendjemand muss ja mal anfangen, die Leute mit der zweiten Sichtweise auf das Außen zu konfrontieren, und zwar mit der, dass nicht alles Fremde schlecht ist. Die meisten wollen das noch lange nicht begreifen, also sollten Sie nicht zu lange bleiben, um nicht so viel Aufmerksamkeit zu erregen. Der Rest des Tages, reicht das?“
Der Rest des Tages reichte allemal. Man bemühte sich, Haltung zu bewahren, doch die Illendyr übersah sicher nicht die subtilen Anzeichen überschäumender Freude.
Endlich meinte das Schicksal es gut mit ihnen.


27


Der Wellidian war ein in globalhistorischen Maßstäben gesehen noch relativ junges, schier endloses Gebirge, das sich in Ost-West-Richtung über weite Teile des kleineren Nordkontinents ausdehnte. Seine höchsten, selbst bei diesem Wetter hinter dichten Wolken verborgenen Gipfel konnten zwar nicht mit dem Olympus Mons auf dem Mars mithalten, aber den Mount Everest überragten sie allemal.
Diese Rekorde waren für die Reisenden allerdings nebensächlich, viel interessanter war ein verhältnismäßig kleines Massiv im Westen, dessen Steilwände ohne Fluggerät kaum zu überwinden waren und durch dessen Gestein sich schon kurz unter der Oberfläche gewaltige Adern von Tricarantium-Erz zogen. In einem anderen Zeitalter hatten die Illendyr hier selbst den halbmetallischen Rohstoff abgebaut, doch heute gab es keine Raumschiffe mehr, die ihn hätten nutzen können, und die Gruben lagen schon seit gefühlten Ewigkeiten brach. Einige waren trotzdem noch gut erhalten.
Die Fähre landete auf einem schmalen Plateau unweit eines leicht zugänglichen Stollens, der erst vor wenigen Jahren von anderen Außenweltlern betreten und als sicher eingestuft worden war.

Auch wenn man sich nur in wenigen Hundert Meter Höhe befand, war der Blick vom Rand der Hochebene atemberaubend. Jenseits des fast senkrechten Abgrunds erstreckte sich die rötliche Steppe bis zum Horizont, die nächste Stadt befand sich in noch weiterer Ferne.
„Das sind die Dinge, für die Menschen zu den Sternen reisen“, stellte Roger mit verklärtem Blick fest.
„Ach, so was hab ich zu Hause auch, nur mit ein paar Dörfern dazwischen“, schmunzelte Chayenne. „Hier ist es überhaupt ein bisschen wie zu Hause.“ Sie zog ihren Pullover aus, wozu die anderen sich schon sehr lange vorher gezwungen gesehen hatten.
Roger strich über ihre bloßen Arme, die selbst er nicht oft zu Gesicht bekam.
„Du solltest immer so rumlaufen“, grinste er.
„Wenn du eine lückenlose Erklärung findest, warum die Heizung plötzlich bis zum Anschlag hochgedreht ist, gerne.“
„Ich kann dich auch einfach die ganze Zeit umarmen.“ Er demonstrierte, wie er es meinte, und sie quittierte es mit einem herzlichen Lachen.
Im Tageslicht sah die Welt anders aus, hier wurde jeglicher Schmerz von der gleißenden Sonne überstrahlt, hier ging es ihnen gut. Was machte es schon, dass dies vermutlich nicht der wahrere Teil der Welt war?
Ein lauer Südwestwind begann, ihre Fußspuren im roten Staub zu verwehen. Sie folgten ihnen zurück zur Fähre, um von dort aus den Weg zum Stollen zu suchen. Die anderen Beiden hatten sie schon unter einem Vorwand vorausgeschickt.
Kurz vor der Felswand führte ein nur zweieinhalb Meter tiefer, mit eisernen Trittstufen versehener Schacht unter die Erde. Der Boden war mit Schutt bedeckt, der mit der Zeit von Wänden und Decke abgebröckelt war, aber das Gerüst, das den Gang stützte, machte einen recht stabilen Eindruck.
„Der Stollen reicht etwa 50 Meter weit in den Berg, bei einem Gefälle von insgesamt einem Meter“, erklärte Hitch und wedelte mit ihrer Taschenlampe.
„An der Abbaustelle ist die Tricarantium-Konzentration im Gestein übrigens viel höher, als wir erwartet hatten“, fügte Björn hinzu. „Aber man glaubt gar nicht, wie schwer das Zeug ist. Da kommt eine Menge Arbeit auf uns zu.“

Natürlich hatte man den an Bord Zurückgebliebenen längst die guten Neuigkeiten mitgeteilt, und sie sprachen ihr tiefstes Bedauern aus, dass sie sich nicht an der Plackerei beteiligen konnten.
Wie lange waren die Tage her vor der Zeit, in der man den Sinn aus den Augen verloren hatte? Alles, fast alles würde wieder so sein wie damals, und sie konnten noch einmal Entdecker und Forscher sein und das Wissen, die Geschichten mit nach Hause bringen. Nichts, was da noch irgendwie im Wege stand.
Sie schleppten ihre Werkzeuge an und holten den Stoff, aus dem die Träume waren, aus dem Berg. Im Grunde sah er aus wie gewöhnliches Gestein, aber wenn man ein neues Stück aus dem Fels schlug, war an den Bruchstellen für einen kurzen Moment ein rötliches Glitzern zu sehen. Es war sicher irre toll, wenn man dieses Phänomen auch noch verstand.
Sie schufteten fast pausenlos bis zum Einbruch der Dämmerung und füllten den Laderaum der Fähre bis zur Decke. Am Ende waren sie alle zerkratzt und staubig, aber allein der Gedanke daran, was sie geleistet hatten, machte alle Unannehmlichkeiten völlig nebensächlich.
„Wie vor 100 Jahren, als die Leute noch mit ihren Händen gearbeitet haben“, meinte Hitch voller Ehrfurcht, während sie mit letzter Kraft die Geräte wieder in der Fähre verstauten. „Heute ist ja alles vollautomatisch.“
„Heute gibt es auch nicht mehr viel, was man noch abbauen kann“, sagte Roger. „Heute kann nur noch recycelt werden.“
Wobei man wieder beim wenig erfreulichen Thema der ausgebeuteten, im eigenen Sud gekochten und generell völlig misshandelten Erde war, das niemand so recht verstand.
„Oh wow, mir sind heute nur zwei große Brocken auf die Füße gefallen“, stellte Björn plötzlich ganz begeistert fest. „Und das als der Typ, der sich beim Gemüseschneiden fast den Daumen abgehackt hat.“
Man gratulierte ihm und bemerkte weise und erfreut über den Themawechsel, dass es im Leben ja nicht immer nur bergab gehen könne.


28


Ein gellender Aufschrei. Ein Schuss, der funkensprühend die Fähre traf.
Die Illendyr erschienen völlig unvermittelt am westlichen Rand des Plateaus. Es waren zehn, sie näherten sich schnell und ihre Ausrüstung ließ keinen Zweifel daran, was sie vorhatten.
Mit einer reflexartigen Sicherheit, die sie sich in unzähligen Simulationen angeeignet hatten, gingen die vier von der Explorer V in Deckung und zogen ihre eigenen Waffen. Sie streckten drei der Angreifer nieder, bevor diese groß in Aktion treten konnten.
„Das müssen Vertreter der Bevölkerungsgruppe sein, vor der Areth uns gewarnt hat“, stellte Hitch fest, kurz bevor ein weiterer Schuss ein Stück des Felsens absprengte, hinter dem sie kauerte.
„Da ist wohl schneller was an die Presse durchgesickert, als sie erwartet hat“, äußerte sich Chayenne gehetzt und setzte mit einem blinden Treffer einen untersetzten, bleichen Mann außer Gefecht.
Mehr war nicht drin, der Rest der Truppe hatte sie nun fast erreicht. Sie mussten die Deckung sofort aufgeben, wenn sie keine leichte Beute sein wollten.
Sie stürzten hinter den Felsen hervor und gingen zum Gegenangriff über.
Die Illendyr waren ebenso leicht verwundbar wie ihre Zielscheiben, keiner von ihnen trug irgendwelche Schutzkleidung. Überhaupt waren sie bei näherem Hinsehen ein vollkommen unorganisierter Haufen, von dem nicht einmal alle eine Schusswaffe hatten. Allerdings waren sie noch immer in der Überzahl.
Man versuchte sie einzukreisen, doch die Übrigen standen nicht umsonst noch auf den Beinen.
Chayenne verlor als erste ihre Waffe, als ihr Arm von einem paralysierenden Strahlenschuss getroffen wurde. Sekundenbruchteile später, bevor der erste Schock abklingen konnte, brachte ein schmächtiger Mann sie zu Fall und zückte ein mit Widerhaken besetztes Klappmesser.
Glücklicherweise unterschätzte er ihre Kraft. Nach einem kurzen Ringen, in dem das Messer sie mehrmals nur knapp verfehlte, gelang es ihr, ihn auf den Rücken zu werfen und bewusstlos zu schlagen. Das Messer nahm sie an sich, bevor es jemand anderes tun konnte, ihre eigene Pistole war allerdings nirgendwo in Sicht.
 
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chaste & yvi