Heute Als nichts
besser war
Dahinter Werke Erzähl
mir was
Mal
mir was
Post..?

Nach Atem ringend hetzte Siska durch das Schiff, sie wusste genau, wo das Problem lag, doch das häufige Aussetzen der Schwerkraft machte ihr das Vorankommen schwierig. Die Ausrüstungsgegenstände, die sie mit sich trug, schlugen gegen ihre Beine und gegen die Korridorwände, sie stolperte häufig und der immense Zeitdruck trug auch seinen Teil bei.
Nach einer viel zu langen Minute, in der viel zu viele weitere Treffer die Explorer V erschütterten, erreichte sie endlich den Übergang vom Schiffskörper zum Steuerbord-Triebwerksgehäuse und konnte das tatsächliche Ausmaß des Schadens begutachten.
Nur ein bedrohlich flackerndes Kraftfeld trennte sie hier vom Vakuum des Alls, denn in der Außenhülle klaffte ein türgroßes Loch. Boden und gegenüberliegende Korridorwand waren ebenfalls aufgerissen, der Leitungsstrang zum Triebwerk durchtrennt. Daher war das Triebwerk ausgefallen.
Siska streifte die klobigen Handschuhe über, die Sicherungen konnte sie in so einer Situation keinesfalls herausdrehen. Sie war allein, sie hatte keine Zeit, sie hatte Starkstromleitungen zu reparieren. Ein Fehlgriff und sie sowie wenig später alle anderen waren tot.
Sie überbrückte eine Leitung nach der anderen mit einem neuen Kabelstück und isolierte die Nahtstellen mit Klebeband, von dem sie nicht wusste, wie robust es war. Nichts garantierte, dass diese provisorische Reparatur halten würde.
Durch das Loch im Boden konnte Siska auf das untere Deck sehen, wenn sie da hinunterfiel, war es vorbei. Die nächste Erschütterung warf sie auf den Rücken, aber sie machte weiter.
Vor der letzten der acht Verbindungen wurde sie seltsam ruhig. Alles oder nichts, hieß es jetzt. Sie konnte sich trotzdem kein Zögern erlauben. Mit aller Gewalt presste sie die Kabelenden zusammen.
Sekundenbruchteile später ertönte ein leises Surren, das die gewohnte Geräuschkulisse endlich wieder komplettierte. Sie hatte es geschafft, das Schiff war wieder vollständig mobil.
Schnell wurde noch das letzte Kabel isoliert, dann machte sie, dass sie davonkam, weg von dem Hüllenbruch. Die Kühlmittelleitungen, die auch in Mitleidenschaft gezogen waren, mussten warten. Hoffentlich hielt das Triebwerk auch ohne sie durch.
Als Siska ins Intercom brüllte, sie habe das Triebwerk wieder zum Laufen gebracht, fiel ein kleiner Teil der Anspannung vom Brückenpersonal ab, doch auch das Überraschungsmoment, plötzlich wieder mit voller Kraft und koordiniert in eine sinnvolle Richtung davonjagen zu können, brachte keinen großen Vorsprung vor dem Verfolger ein.
Wie ein guter Psychothriller war das, nur grausamer und realer. Es war erstaunlich, wie widerstandsfähig sich die kleine Explorer V bisher gezeigt hatte, aber wirkliche Chancen rechnete sich keiner mehr aus. Sie warteten doch bloß noch auf den Tod, oder?
„Achtung!“, gellte Björn, der das Radar überwachte, plötzlich. „Da kommt was!“
Gerade noch konnte Hitch mit einem mörderischen Manöver, das wiederum alle die Bodenhaftung verlieren ließ, einen Zusammenprall mit zwei weiteren, plötzlich auftauchenden Schiffen verhindern.
Es dauerte nicht lange, bis man realisierte, dass soeben ein weiterer Faktor ins Spiel gekommen war.
Die Neuankömmlinge waren baugleich keilförmig und wiesen eine ähnliche Masse auf wie der Cheo-Sen-Schlachtkreuzer. Die spannende Frage, was sie wollten, wartete nicht lange auf ihre Klärung, denn die beiden Schiffe hängten sich sofort an den Kugelraumer, wie dieser an der Explorer V hing, und bombardierten ihn aus Leibeskräften. So etwas nannte man eine glückliche Fügung.
Die Cheo-Sen hatten ihre liebe Not, ihre Beute nicht entkommen zu lassen und sich gleichzeitig gegen die neuen Angreifer zu wehren. Große Stücke platzten aus der Kugel des Schlachtkreuzers ab, er wurde langsamer und konzentrierte sich mehr und mehr auf seine eigenen Verfolger. War das endlich die Chance, die die Explorer V brauchte?
Aus dem Versuch, sich klammheimlich aus dem Staub zu machen, wurde nichts. Eines der Zwillingsschiffe hatte sie anscheinend entdeckt und überließ es seinem Kollegen, die geschwächten Cheo-Sen in Schach zu halten. Das keilförmige Schiff nahm die Verfolgung auf und griff an.
Letztendlich hatte sich die Situation also keinen Deut verbessert, sondern vielmehr noch verschlimmert, denn der neue Gegner war kaum angeschlagen. Dem war die Explorer V niemals gewachsen. Jetzt wartete man tatsächlich bloß noch auf den Tod.
Doch es kam anders.
Weiter hinten schafften es die Cheo-Sen, sich des zurückgebliebenen Zwillingsschiffs vollständig zu entledigen, was nicht sehr schön aussah. Nun musste der andere Keilraumer Prioritäten setzen, und entschied sich nach kurzem Zögern für die Cheo-Sen. Der Kampf war kurz und heftig und endete damit, dass beide Schiffe in einem gewaltigen Feuerwerk explodierten.
Es war vorbei.
Nur die Explorer V war auf diesem Schlachtfeld übrig geblieben. Sie hatten es geschafft. „Wir haben es geschafft“, hörte Roger Chayenne hinter sich flüstern.
Einen Moment später war sie zu ihm gestolpert und umarmte ihn stürmisch und das war jetzt das einzig Richtige. Die explosive Mischung aus Adrenalin, Erleichterung und tausend anderen Gefühlen, die über ihn hereinbrachen, verlangte ihm einiges an Beherrschung ab, sie jetzt nicht zu küssen.
Er wagte einen Blick über ihre Schulter. Die anderen hatten die eindeutig zweideutige Geste anscheinend missverstanden und fielen sich ebenfalls glückselig in die Arme.

20


„Es gibt also eine schlechte und eine apokalyptische Nachricht“, begann Siska mit der Zusammenfassung der Situation. Während sie auf und ab ging, blickte sie gelegentlich in das ein oder andere Gesicht, starrte aber die meiste Zeit den Boden an.
Draußen vor dem Fenster zogen die öden und leblosen Landschaften des Gesteinsplaneten vorbei, den die Explorer V umkreiste. Sie hatten das Schiff eilig einem Doppelsternsystem versteckt, das auch furchtbar interessant aussah, aber dessen Hauptaspekt es war, dass die Strahlung eine Ortung zumindest über längere Strecken unmöglich machte.
Siska fragte die Vollversammlung nicht, welche Nachricht sie zuerst hören wollte.
„Die schlechte Nachricht ist, dass wir etwa ein Dutzend Löcher in der Außenhülle haben, die zu groß sind, um sie zu kitten“, fuhr sie seelenruhig fort. „Wir müssen also hoffen, dass die Kraftfeldflicken noch über Monate hinweg halten, aber da bin ich relativ zuversichtlich. Deshalb ist dies nur die schlechte Nachricht.“
Sie blieb stehen, machte eine Kunstpause. Es war absolut grausam und unnötig, die Spannung noch zu erhöhen, außerdem wussten einige sowieso schon bescheid, aber sie konnte nicht anders.
„Die apokalyptische Nachricht“, sprach sie schließlich mit Grabesstimme, „ist, dass wir einen Tank verloren haben.“
Die Zuhörer blieben still.
„Das heißt, wir haben nur noch ein Drittel des ursprünglichen Treibstoffs“, sagte Siska.
Die Zuhörer blieben still, wurden aber zunehmend bleicher.
„Das heißt, wir schaffen es nicht zurück, bei Weitem nicht“, schloss Paolo und fuhr sich mit beiden Händen übers Gesicht, anscheinend nicht glauben wollend, was er selbst gesagt hatte.
„Außer natürlich, wir können irgendwo Tricarantium auftreiben, ihr wisst schon, das Zeug, aus dem unser Treibstoff synthetisiert werden kann“, fügte Siska schnell hinzu. „Also Leute, nicht alles schwarz malen.“ Das aufmunternde Lächeln, das sie zu diesen Worten aufsetzen wollte, misslang so gründlich, dass der Anblick unheimlich war.

„Warum gibt es eigentlich nie gute Nachrichten?“, fragte Björn Takeru, als sie zusammen einen der kleineren Risse in der Hülle reparierten.
„Die gibt es“, sagte der zehn Jahre Ältere, „nur bringt sie niemand. Wir halten alles, was so läuft, wie wir es uns vorstellen, für selbstverständlich und bemerken nur die schlechten Dinge. Hast du dich je gefreut, wenn du im Bus einen Sitzplatz gekriegt hast? Hat es je deinen Tag gerettet, wenn du einen seit Jahren nicht gebrauchten Gegenstand genau da gefunden hast, wo du ihn in Erinnerung hattest?“
„Ich hatte nie einen Sitzplatz und ich finde auch nichts wieder, was ich suche“, grollte Björn. „Ich bin schließlich der Typ, der sich beim Gemüseschneiden fast den Daumen abgehackt hat.“
„Und das ist der Grund, warum du nicht von dieser Denkschiene runterkommst. Weil du es gar nicht versuchst“, stellte Takeru fest. „Schau mal, ich freue mich zum Beispiel gerade über die gute Nachricht, dass niemand ernsthaft verletzt wurde.“
„Hilft das sehr über den Gedanken hinweg, dass wir vielleicht nicht mehr nach Hause kommen?“, fragte Björn.
„Nein. Aber ich hab nie gesagt, dass die schlechten Nachrichten nicht überwiegen.“

Man sprach nicht über das neue Problem, schließlich war es nicht akut und die Chance, tatsächlich in irgendeinem Sonnensystem Tricarantium zu finden, war gar nicht mal so gering. Dennoch konnte man nun immer öfter das misslungene Lächeln sehen.
Sie aßen zu Abend, machten alberne Witze über belanglose Dinge und taten so, als wäre alles ganz normal, aber der Ernst der Lage ließ sich nicht aussperren, immer wieder rückte er ins Bewusstsein der Leute.
„Ich muss noch den dämlichen Bericht über gestern und alles schreiben“, grummelte Roger, während er die letzten klebrigen Reste von „Nummer 8“, dem Tagesgericht, aus der Schüssel kratzte. „Hey, ich erwarte Mitleid“, verlieh er den Worten Nachdruck, als die beiden Anderen, die noch da waren, nicht reagierten.
„Wir können gerne tauschen“, meinte Siska. „Ich schreib die paar Zeilen und du machst die Nachtschicht im Maschinenraum. Aber Vorsicht, es ist erwiesen, dass die Geräusche und blinkenden Lichter die meisten Leute nach sechs Stunden in Angstzustände versetzen.“
„Tu’s nicht!“, flüsterte Chayenne so laut, dass Siska es mitbekommen musste. „In allem, was sie schreibt, kommt in jedem Satz mindestens ein Wort aus den Wortfeldern ‚Sterben’ oder ‚Blut’ vor.“
„Würde diesmal doch sogar fast hinkommen“, traf Siska den schmerzhaften Kern der Situation und streifte Fertiggericht „Nummer 8“ mit einem verachtungsvollen Blick, als wäre es Schuld an allem Übel.
Betroffenes Schweigen war die Folge.
Schließlich stand Roger auf. „Ich geh mich dann mal quälen. Gute Nacht.“ Seine Hand streifte unauffällig Chayennes Rücken, als er an ihr vorbeiging.
Nun waren nur noch Chayenne und Siska übrig. Sie hatten sich auch nicht mehr viel zu sagen.
„Ich werde mich nie daran gewöhnen“, seufzte Siska, als selbst ihr die Stille zu drückend wurde.
„Woran?“, fragte Chayenne, halbherzig bedacht darauf, interessiert zu klingen.
„An das, was du isst“, antwortete Siska und gab sich Mühe, die Kieselsteine möglichst neutral anzusehen.
„Wirst du dich denn je daran gewöhnen, was DU isst?“, erwiderte Chayenne. Sie hatte sich im Laufe der Zeit schon einige schlagfertige Antworten auf Bemerkungen wie diese zurechtgelegt.
Siska betrachtete mit unverhohlener Abscheu die Reste des grünen aber nährstoffreichen Matschs in ihrer Schüssel. „Nein, echt nicht. Andererseits esse ich das auch nicht freiwillig. Aber wir wollen ja hier nicht diskutieren.“
Als Chayenne wenig später das Geschirr, das die meisten, die an diesem Tag etwas gegessen hatten, einfach auf einen Haufen gestapelt hatten, ordentlich in die Spülmaschine räumte, spürte sie Siskas prüfenden Blick auf sich ruhen, der so erbarmungslos war, dass sie ihn nie ohne besonders schwerwiegenden Grund anwendete.
„Leistest du mir noch ein bisschen Gesellschaft?“, fragte Siska in ganz harmlosem Tonfall, als sie sicher war, dass Chayenne ihren Blick bemerkt hatte. „Ich weiß, du hast frei, aber sogar Einsiedlerkrebse wie ich fühlen sich manchmal etwas einsam.“
„Sicher doch.“ Chayenne spielte das Spiel mit, das auch nicht mehr ganz neu war. Worum ging es diesmal bloß? Sicher nicht um seltsame Essgewohnheiten.
 
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chaste & yvi