Heute Als nichts
besser war
Dahinter Werke Erzähl
mir was
Mal
mir was
Post..?

Sie schnaubte verächtlich, als gäbe es da nichts zu klären.
Dann kam wieder lange nichts mehr. Er begann, ihren Rücken zu betrachten, strich über die filigranen Strukturen, die ihn so faszinierten. Er wusste nicht genau, wozu die kleinen Hornplättchen, die Teile ihres Körpers bedeckten, mal gut gewesen sein konnten, aber sie sahen schön aus. Seine Fingerspitzen folgten langsam den feinen Rillen des regelmäßigen Musters. Er konnte es nicht lassen.
„Hör auf, ja?“, sagte Chayenne leise, und als er nicht aufhörte, drehte sie sich um.
Ihr Blick brachte ihn wieder zur Besinnung. Er murmelte eine Entschuldigung, wozu hatte er sich da hinreißen lassen?
„Es geht nicht. Wir können nicht zusammen sein“, sprach sie es endlich aus. „Ich würde ja … irgendwo … aber… Ich will’s nicht.“
Das war alles nichts Neues, aber es wirklich zu hören, machte ihn trotzdem traurig. „Du liebst ihn, hm?“, meinte er.
„Natürlich“, seufzte sie. „Es tut mir leid. Es ist alles so weit weg, und manchmal… Manchmal weiß ich einfach nicht, was ich will. Aber ich will ihm auf keinen Fall wehtun.“
„Das versteh ich“, kommentierte er. Und leiser: „Ich will dir auch nicht wehtun.“ Er wusste nicht, warum er das sagte, es kam ihm einfach in den Sinn.
„Oh nein, bitte nicht das jetzt. Es ist doch alles schon schlimm genug“, jammerte sie.
„Aber es ist wahr. Ich will nicht, dass du das nur aus Mitleid machst und glaubst, da ist mehr dahinter, und ich kann dir gar nichts entgegenbringen, ich will nicht … dass du das Opfer bist! Weil…“ Ihm fiel keine Begründung ein. „Jedenfalls haben wir beide einen Grund und … es ist okay.“
Nichts war okay.
„Wieso denn Opfer?“, brauste sie auf. „Ich hab mich gar nicht als Opfer gefühlt, du wusstest doch sehr genau, was du wolltest! Und ich wage zu behaupten, dass ich das ein bisschen besser beurteilen kann als Marlene!“ Sie bereute es sofort, den Namen ausgesprochen zu haben, das brachte sie ja auch nicht weiter.
„Du hast doch angefangen!“, regte er sich auf. „Mit dem ersten Kuss! Mit dem zweiten Kuss! Du hast mich ins Bett gezerrt, nicht umgekehrt! Du wolltest das! Du! Ich weiß ja dein Mitleid zu schätzen, aber so geht das nicht!“
„Das war nicht aus Mitleid und das weißt du!“, heulte sie. „Komm jetzt endlich runter von dem Selbstzerstörungstrip! Ich hab genug davon, bei dir gegen eine Wand zu reden und zu sehen, wie du weitermachst, egal was ich sage! Ich kann nicht mehr!“
Er konnte nicht erkennen, ob sie weinte, das Wasser lief noch immer. Aber er glaubte, zu verstehen, und auch wenn sie nur Unsinn geredet hatten, er glaubte jetzt zu verstehen, sie, und vielleicht auch sich selbst. Sie hatte Recht.
Er drehte das Wasser ab, reichte ihr ein Handtuch.
Sie betrachteten sich zusammen im Spiegel. Sah doch schön aus.
„Niemand wird je davon erfahren“, stellte sie fest und strich sich die nassen Haare aus dem Gesicht.
„Niemand“, echote er und legte einen Arm um sie.
Die Bedingungen waren klar, da mussten sie nicht drüber reden. Die Gegenargumente hatten immer noch ein enormes Gewicht.
„Das wird mit Tränen enden“, sagte er bekümmert.
„Ja, das wird es wohl“, antwortete sie. „Aber es hat ja grade erst angefangen. Jetzt nicht an Morgen denken, leben!“ Sie küsste ihn zärtlich.
Im Nebenraum klingelte endlich der Wecker und merkte gar nicht, dass er vollkommen unwichtig war.


18


„Das ist einer dieser Tage, an denen ich mir wünsche, ich hätte letztes Jahr in Montreal den verdammten Kapuzenpulli gekauft“, murmelte Björn, als er wieder den Verdacht hatte, dass ihn hinter seinem Rücken alle anstarrten und flüsterten.
„Wir sagen doch gar nix“, warf Jenikk ein, und das stimmte, denn sie starrten nur. Und das auch nur ab und zu.
„Mann ey, ich wollte nur die Spitzen abschneiden, aber es war immer ungleichmäßig… Und jetzt sieht’s so aus.“ Björn fuhr sich durch die in der Tat etwas kurz geratenen Haare, als wären sie etwas, das nicht wirklich auf seinen Kopf gehörte. „Warum muss ich eigentlich immer derjenige sein, der im Schulklo eingesperrt wird, den Haustürschlüssel vergisst, sich beim Gemüseschneiden fast den Daumen abhackt und sich nicht mal die Haare schneiden kann?“
„Also ich finde, das steht dir“, meinte Hitch, bevor der arme Kerl sich noch was antun konnte.
„Tatsächlich?“
„Ernsthaft.“ Es war immer wieder toll, Menschen davon zu überzeugen, dass ihr Leben einen Sinn hatte, aber manche konnten es einem ruhig einfacher machen.
Man hätte ja gerne den ganzen Nachmittag weiter über Haare geredet, um sich ein bisschen davon abzulenken, dass man durch ein Schlachtfeld flog, aber der Nachmittag hatte noch eine Überraschung parat.
Es war ein Raumschiff. Ein relativ intaktes Raumschiff. Ein Raumschiff, das sich bewegte. „Ein Zoeth-Raumschiff!“, rief Mandoo aufgeregt, kaum dass er es auf dem Bildschirm erkannt hatte. „Und sie leben!“ Er begann, ekstatisch durch die Gegend zu hüpfen, und das sah so drollig aus, dass es gar nicht simuliert sein konnte. „Ich kann nach Hause! Ich kann nach Hause! … Also nicht, dass es mir hier nicht gefällt…“, fügte er hastig hinzu, um nicht unhöflich zu erscheinen.
„Schon gut“, meinte Roger leicht amüsiert. „Schauen wir mal, ob die mit sich reden lassen…“
Ließen sie nicht, vielmehr ignorierte das Zoeth-Schiff sämtliche Versuche, Kontakt aufzunehmen. Das war auch nicht ganz unverständlich, in so einer Situation war es durchaus angebracht, ein bisschen misstrauisch zu sein.
Plan B war, sich dem fremden Schiff langsam und friedlich zu nähern, ohne dabei aufdringlich zu wirken. Wie, verdammt noch mal, signalisierte man bloß friedliche Absichten, wenn man keine weiße Fahne aus dem Fenster halten konnte und die anderen einfach nicht bereit waren, zuzuhören?
Als die Zoeth merkten, dass sich da jemand nicht abwimmeln lassen wollte, änderten sie ihren Kurs und wichen zurück. Mandoo wirkte schon bald etwas desillusioniert.
„Rufe noch mal … keine Antwort. Rufe noch mal … keine Antwort“, intonierte Björn alle halbe Minute und fand so gar keinen Gefallen daran, immer dieselben Knöpfe zu drücken. „Noch einer ’ne Idee?“, fragte Roger in die Runde. „Außer Warten?“
Allgemeine Ratlosigkeit.
Plötzlich tat es einen Schlag, und was nicht irgendwie befestigt war, verließ seinen angestammten Platz.
„Ich glaub, wir sind zu aufdringlich“, stellte Jenikk fest, als er sich wieder so weit vom Boden erhoben hatte, dass er einen Blick auf seine Konsole werfen konnte. „Jedenfalls haben die gerade auf uns geschossen.“
„Anhalten, anhalten!“, brüllte Roger, als der zweite Treffer das Schiff erschütterte.
Hitch krabbelte zurück zum Steuerpult, von dem sie in Folge der Turbulenzen weggekullert war, und schaffte es kurz nach dem dritten Treffer die Knöpfe zu drücken, die die Verfolgung beendeten.
Daraufhin stellte das andere Schiff das Feuer ein und kam in sicherer Entfernung ebenfalls zum Stillstand. Ruhe kehrte ein.
„Ist jemand verletzt?“, erkundigte sich Roger routinemäßig.
„Ich hab mir auf die Zunge gebissen, zählt das?“, kam es von einem der billigen Plätze.
Ein wenig später stolperten Siska und Chayenne sowie Takeru und Paolo auf die Brücke und wollten wissen, was passiert war. Glücklicherweise stellte sich heraus, dass das gar nicht so viel war, denn die Hülle war an keiner Stelle gebrochen. Warnschüsse also. Wie schön.
Man beschloss, dass das ein guter Moment war, noch einmal zu versuchen das Zoeth-Schiff zu kontaktieren. Es konnte doch kein größeres Zeichen für guten Willen geben, als sich stillschweigend beschießen zu lassen und dann immer noch friedlich reden zu wollen. Das durfte nur nicht zur Standardprozedur werden.
„Wir kriegen eine Antwort!“, freute sich Björn, kurz nachdem er noch einmal die altbekannten Knöpfe gedrückt hatte.
Mandoo strahlte übers ganze unbewegliche Androidengesicht.
Auf dem Bildschirm erschien die Brücke des anderen Schiffs. Der Raum war ziemlich klein und in Grüntönen gehalten und machte insgesamt einen recht freundlichen Eindruck.
Neben den Zoeth, deren besondere Merkmale eine graublaue Hautfarbe und große, spitze, abstehende Ohren waren, waren auch einige Androiden anwesend, die haargenau so wie Mandoo aussahen. Dieser freute sich natürlich sehr, sie zu sehen.
Wer nun sprach, war allerdings ein Zoeth, genauer gesagt der hoch gewachsene, weißhaarige Mann, der in der Mitte des Raums stand, und wenn der automatische Übersetzer diesmal funktionierte, entschuldigte er sich überschwänglich für den Angriff. Normalerweise würde man so was ja nicht machen, aber es handelte sich eben um eine Ausnahmesituation und überhaupt – er merkte aber schnell, dass seine Gesprächspartner das gar nicht so interessant fanden.
Die starrten nämlich die ganze Zeit die Frau an, die neben ihm stand. Die dunkelhäutige Frau ohne riesige Ohren. Die terranische Frau. Die Frau, die Tamara Cortez war.

Nicht all zu viele Minuten später fand man sich in der Kantine wieder, um sich ein wenig über die Situation auszutauschen.
Tamara Cortez. Unfassbar. Crewmitglied von Explorer III, verschwunden bei der Erkundung eines Planeten weitab der aktuellen Route der Explorer V im Juni 2099. Galt bei den Behörden als vermisst, die echten Menschen hatten sich mit der Wahrheit - der vermeintlichen Wahrheit – bereits größtenteils abgefunden.
Jeder kannte ihr Foto. Nun saß sie hier vor ihnen am Tisch. An ihren Ohren glitzerte der Schmuck, den auch die Zoeth trugen, und sie erzählte, wie sie in einer der Städte auf Arius Prime entführt worden war, die Entführer allerdings nach wenigen Wochen rapide das Interesse an ihr verloren hatten, als sie keine potentiellen Lösegeldzahler hatten finden können.
Jedenfalls hatte sie es geschafft, sich zum nächsten Weltraumbahnhof durchzuschlagen, wo sie glücklicherweise von „diesem charmanten jungen Herrn hier“ – Tamara tätschelte dem Weißhaarigen zu ihrer Linken, der der Kommandant des Zoeth-Schiffs war und Zady hieß, den Kopf – aufgegabelt worden war, und seither nannte sie sein Versorgungsschiff ihr Zuhause.
Sie ließ sich daraufhin unter großer Bedrücktheit schildern, wie lange man nach ihr gesucht hatte und wie anschließend die Reaktionen auf dem Heimatplaneten ausgefallen waren.
„Na ja, ich lebe noch, wie man sieht“, meinte sie nachdenklich. „Die werden sich bestimmt freuen, das zu hören.“
„Wäre möglich, dass sie einen neuen Feiertag einführen“, erwiderte Siska und verstand gar nicht, warum sie wieder mit diesen „Taktlose-Leute-kommen-in-die-Hölle“-Blicken beschossen wurde. War doch ganz ernst gemeint.
„Ist jedenfalls schön, mal wieder Gesichter ohne riesige Ohren zu sehen“, sinnierte Tamara, die die Feiertags-Theorie ziemlich beunruhigend fand. „Sorry, war nicht persönlich gemeint“, fügte sie noch schnell in Richtung der anwesenden Zoeth hinzu. „Aber… Zurück zur Erde will ich nicht. Hier hab ich ja alles, was ich mir je wünschen könnte.“ Sie bedachte den Kommandanten kurz mit diesem ganz speziellen Blick und lächelte dann, das Thema, dessen Gegenstand sie war, als abgehakt sehend, die Tischplatte an.
Dem war wirklich nichts mehr hinzuzufügen.

Nun kam man auf die andere Angelegenheit zu sprechen, die, bei der es um die Frage ging, was der Anlass für die vielen Trümmer, die man in dieser Region des Weltraums gefunden hatte, war.
„Das ist eine verfahrene Situation, für die wir nicht viel können“, begann einer der Zoeth, ein junger Mann mit etwas kürzeren weißen Haaren, zu erklären, und er litt sichtlich unter dem Gedanken daran. „Es gibt schon länger Spannungen zwischen einigen verschiedenen Spezies hier und vor kurzem ist dann ein sehr hässlicher Krieg ausgebrochen, bei dem es vor allem darum geht, die Bevölkerungen der feindlichen Planeten zu dezimieren. Das wollten wir nicht mit ansehen, so quasi vor unserer eigenen Haustür, und außerdem, das muss man sich eingestehen, hängen große Teile unserer Wirtschaft am Handel mit diesen Leuten… Also haben wir versucht, zwischen den Parteien zu vermitteln und die Zivilisten zu versorgen.“
„Aber auf unsere Hilfe wurde anscheinend kein großer Wert gelegt“, fuhr der Kommandant fort, „und jeder Einmischungsversuch als Überheblichkeit gedeutet. Jetzt stecken wir mit drin und müssen sogar unseren Heimatplaneten verteidigen. Ganz zu schweigen von den vielen Schiffen, die noch unterwegs sind.“ Er stützte die Ellbogen auf den Tisch, verschränkte die Finger und platzierte sein Kinn darauf, den Blick ernst ins Leere gerichtet. „Es heißt Jeder gegen Jeden auf diesem Schlachtfeld.“
 
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chaste & yvi