Heute Als nichts
besser war
Dahinter Werke Erzähl
mir was
Mal
mir was
Post..?

„Wow, das passiert einem nicht oft, dass man mitten im Nirgendwo so netten Leuten begegnet“, sagte der Android mit schnarrender, aber dennoch überraschend menschlich klingender Stimme, nachdem er durch die Luftschleuse an Bord geholt worden war. „Vielen Dank fürs Mitnehmen – wohin Sie auch immer unterwegs sind.“
Die Crewmitglieder der Explorer V erwiderten erstmal nichts, sie waren zu beschäftigt damit, den Gast fasziniert anzustarren. Dieser sah das als gute Gelegenheit, fasziniert zurückzustarren.
Als er alle Leute lange genug gemustert hatte, versuchte er ein Gespräch anzufangen, indem er ein bisschen von sich erzählte.
„Ich heiße Mandoo und wurde auf Zoeth Prime gebaut. Da gibt’s viele von meiner Sorte, wir sind für die ganzen Arbeiten zuständig, die die Leute nicht machen wollen. Aber wir sind so programmiert, dass wir Freude dran haben. Das ist kein schlechtes Leben. Ich hab bei einer reichen Familie den Haushalt gemacht, bis auf einer Weltraumkreuzfahrt das Raumschiff von irgendwelchen Piraten oder so in die Luft gesprengt wurde und ich mich dann ziemlich einsam im leeren Raum wiedergefunden habe… Und was führt Sie in diese Gegend?“

Mandoo ließ sich mit großem Interesse die Explorer-Missionen erklären und machte auch sonst einen unheimlich netten Eindruck. Abgesehen vom etwas gewöhnungsbedürftigen Aussehen wirkte er sehr menschlich. So sahen also die wirklich großen Wunder der Technik aus.
„Und warum haben Sie…“ – Takeru machte eine kleine Pause; er kam sich etwas seltsam dabei vor, eine Person aus Metall zu siezen – „sich, ähm, so zielstrebig auf das Kommunikationsrelais zu bewegt?“, wurde der Android schließlich gefragt.
„Na ja, irgendwas musste ich ja tun und das Gerät hat einen interessanten Eindruck gemacht. Im leeren Raum gibt es nicht so viele Möglichkeiten, sich die Zeit zu vertreiben“, erklärte Mandoo trocken und begann, ein bisschen umher zu laufen. „Apropos irgendwas tun…“, fiel ihm kurz darauf ein. „Kann ich hier irgendwas helfen? Aufräumen oder so? Wenn nicht, auch nicht schlimm, dann stell ich mich einfach in die Ecke und schalte mich ab. Will Ihnen ja nicht zur Last fallen.“
Die Leute guckten sich gegenseitig an und jeder hoffte, dass den jeweils anderen auf die Schnelle etwas einfiel. Es wäre doch ziemlich unangebracht, zuzulassen, dass so eine faszinierende Persönlichkeit sich einfach in die Ecke stellte und sich abschaltete.
„Dann sagen Sie mir doch einfach bescheid, wenn Sie irgendwelche Leute treffen, die sich als Zoeth bezeichnen“, sagte Mandoo schließlich, stellte sich in eine Ecke und schaltete sich ab.

„Immerhin ein sehr pflegeleichter Passagier“, meinte Siska, nachdem sie den Android in den Maschinenraum getragen und dort aufgestellt hatten. Siska wollte ihn untersuchen und vor allem den Einschaltknopf finden. Zum ersten Mal war sie richtig glücklich, mitgeflogen zu sein. Nicht viele Leute hatten bisher die Chance bekommen, an so etwas herumzuschrauben.
„Hey, wollen wir eine ethische Grundsatz-Diskussion führen?“, fragte sie Chayenne, die sich noch nicht wieder verdrückt hatte, wahrscheinlich wegen der für sie äußerst angenehmen Temperatur im Maschinenraum.
„Darüber, ob es die Persönlichkeitsrechte dieses Kerlchens verletzt, wenn man ihn ohne zu fragen auseinander nimmt? Das führt doch zu nichts“, meinte Chayenne und klopfte vorsichtig an den Kopf des Androiden.
„Ja, es fehlen irgendwie die Präzedenzfälle“, erwiderte Siska. „Wenn man mal von den grausigen Science-Fiction-Filmen absieht, in denen die Menschen von ihrer eigenen Schöpfung unterworfen werden.“
„Tja, wer sagt eigentlich, dass künstliche Intelligenz nicht genauso gut ist wie echte … oder sie sogar übertrifft? Vielleicht haben die ja eher das Recht, UNS auseinander zu nehmen“, fasste Chayenne das zusammen, was schon oft über das Thema diskutiert worden war.
„Natürlich. Mir ist gerade irgendwie die Lust vergangen, ihn zu untersuchen“, stellte Siska augenrollend fest. „Bin froh, wenn wir den wieder los sind.“

Siska überwand sich schließlich dazu, wenigstens den Einschaltknopf zu suchen und zu finden, und man spannte Mandoo zum Aufräumen und anderen Dingen, die er für angemessen hielt, ein, ohne weiter über das Perfekte-künstliche-Intelligenz-Problem nachzudenken. Darüber sollten sich nun wirklich andere Leute den Kopf zerbrechen.
Es gab auch ein weitaus aktuelleres Problem, das die Crew viel mehr beschäftigte, nämlich das der verschwindenden Gegenstände. Werkzeug, Nahrungsmittel, Seife, 576-seitige Gedichtbände, Socken, Handtücher… Jeden Tag wurde wieder etwas vermisst und nichts tauchte wieder auf. Was mit einem Päckchen Kaffee angefangen hatte, nahm langsam Nervosität verursachende Ausmaße an.
Keiner wollte es gewesen sein und alle wirkten dabei unheimlich glaubhaft, auch ein Scan des Schiffs nach blinden Passagieren hatte kein Ergebnis gebracht. Man versuchte, es auf die außergewöhnliche Situation zu schieben, zu Hause verschwand ja auch ständig irgendwas und tauchte erst wieder auf, wenn man nicht mehr danach suchte. Aber irgendwie war diese Erklärung nicht zufrieden stellend, ein gewisses Unbehagen und vor allem Misstrauen blieben. Vielleicht war ja doch ein Verrückter an Bord, der die anderen in den Wahnsinn treiben wollte. Oder es war eines dieser unerklärlichen Dinge, die nun wirklich nicht besser waren.

In Chicago erfuhr niemand etwas über die verschwundenen Gegenstände, aber dafür umso mehr über die Durchquerung des Fenranier-Raums und über Mandoo. Über Ersteres herrschte Entsetzen ob dieses schrecklichen Leichtsinns und der Überheblichkeit, solch eine Entscheidung ganz alleine zu treffen, über Letzteres schlug die Presse Purzelbäume und die Raumfahrtagentur freute sich dumm und dämlich. Jetzt war die Begeisterung für die Dinge weitab der eigenen Haustür wohl tatsächlich wieder entfacht. Die Menschen gingen auf die Straßen, um ihre Helden zu feiern.
Kathleen Teri Peaks sah, dass das, was sie sich gewünscht hatte, Wirklichkeit geworden war, und hoffte nun, dass der Höhepunkt noch in der Zukunft lag. Auch wenn sie es hasste, ständig fotografiert und interviewt zu werden.
Am 31. 12. traf sie vor ihrem Hauseingang ein Mädchen mit struppigem Haar und dunkel umrandeten, glasigen Augen. Die seltsame Erscheinung stand plötzlich vor ihr auf der Treppe und sagte: „Du wirst nicht mehr lange Freude haben. Ich dachte, das solltest du wissen.“
„Danke für die Warnung, aber ich glaube nicht an Schicksal und solche Sachen“, erwiderte Kathleen und ging weiter, nicht wissend, was sie davon halten sollte.

14


Silvester ging an der Crew relativ spurlos vorbei. Es gab weder Sekt noch Bleigießen, gute Vorsätze wollte sich niemand antun, und das Feuerwerk, bestehend aus einer zufällig entdeckten, arg weit entfernten Sternenexplosion, war außergewöhnlich unspektakulär.
Gegen ein Uhr nachts waren nur noch Faye und Paolo in der Kantine, sie beschäftigt mit der Bestandsaufnahme der Küchenutensilien, er mit dem Kopf auf dem Tisch und voller Selbstmitleid.
„Es sind bestimmt nur noch halb so viele Löffel wie letzte Woche“, sagte Faye mit diesem Unterton in der Stimme, der manchmal auf einen herannahenden hysterischen Anfall hinwies. „Wie lange ist die Palme eigentlich schon weg?“
Paolo murmelte irgendwas, in dem das Wort „Woche“ vorkam.
„Zu wenig Löffel, zu wenig Löffel… Irgendwas liegt in der Luft, ich weiß es…“, seufzte Faye und setzte sich zu Paolo an den Tisch.
„Da will ich dir nicht widersprechen. Wenn du keine Ahnung hast, wer dann?“
„Ich hab Ahnung?“, fragte Faye mit einem Anflug von gespielter Überraschung. „Ich lass mich doch bloß von der allgemeinen Nervosität anstecken und glaube dann, irgendwas Besonderes wäre los. Wenn ich allerdings eines Nachts mit leerem Blick auf der Brücke auftauche und sage: ‚Sie werden uns töten! Sie werden uns töten!’ und mich am nächsten Morgen nicht daran erinnern kann, dann können wir natürlich weiterreden.“
„Ich merk’s mir“, meinte Paolo und hob seinen Kopf von der langsam etwas unbequem werdenden Tischplatte.
„Verdächtigst du irgendwen?“, erkundigte sich Faye nach einiger Zeit.
„Nö, niemand Bestimmtes. Und du?“
„Ich glaube nicht, dass es jemand von der Crew ist. Ich glaub’s einfach nicht. Das macht die Sache natürlich gleich viel komplizierter.“
„Ich mag nicht mehr drüber nachdenken“, sagte Paolo.
Dann standen sie auf und gingen schlafen.

Mandoo sah die Ereignisse an Bord mit Besorgnis – mit so viel Besorgnis, wie es einem Android möglich war. Manchmal überlegte er, ob er sich nicht doch einfach in die Ecke stellen und sich abschalten sollte.
Eines Tages kam er beim Nachdenklich-Rumlaufen in den Raum, wo die Fähre stand und auch die Ausrüstung für Außenmissionen aufbewahrt wurde. Einer der Schränke stand offen. Mandoos ausgeprägter Ordnungssinn trieb ihn sofort dazu, den Schrank zuzumachen, aber vorher warf er noch einen Blick hinein. Darin befanden sich fremdartige wissenschaftliche Geräte, warme Jacken und, sauber aufgereiht, Gegenstände, die unverkennbar Waffen waren. Eine der Halterungen war leer.
Das ließ Panik in ihm aufsteigen – so viel Panik, wie ein Android empfinden konnte.
Er rief die Brücke an und fragte, wie viele Waffen eigentlich in dem Schrank sein sollten. Das hatte zur Folge, dass wenige Minuten später die ganze Crew um den Schrank versammelt stand, und zwar mit sehr blassen Gesichtern. Kaffee, Handtücher und Löffel waren eine Sache, Geräte, mit denen man Menschen töten konnte, eine andere.

„Ab jetzt sind alle bewaffnet, keiner läuft mehr alleine rum und wir scannen noch mal gründlich nach Leuten, die nicht da sein sollten“, ordnete Roger an. „Und vor allem…“
„Keine Panik!“, beendeten die anderen den Satz und wirkten dabei wenig überzeugt bis unverhohlen ironisch.
„Merkt ihr was? Die Situation entgleitet uns so langsam“, meldete sich Siska zu Wort. „Entweder sind wir jetzt alle endgültig am Durchdrehen oder hier läuft tatsächlich ein Unbekannter mit ’ner Waffe rum! Und du“, fuhr sie Roger an, „du kommst mit ‚Keine Panik!’ Hallo, geht’s noch?!“
„Okay, das war etwas unglücklich ausgedrückt“, gab der Commander zu. „Aber…“
„Aber es ist die Wahrheit? Natürlich ist es die Wahrheit, Mann!“, tobte Siska. „Ich kann’s nur nicht leiden, wenn Leute ‚Keine Panik!’ sagen! Und jetzt starrt mich nicht an, sondern tut was!“ Daraufhin sank sie an der Wand auf den Boden und versuchte, sich zu beruhigen.
Die anderen, die die Szene wortlos beobachtet hatten, versuchten auch, sich zu beruhigen.
Sie wollten gerade geschlossen zur Brücke gehen, da machte Faye ein erschrockenes Geräusch und blieb wie zur Salzsäule erstarrt stehen.
„Ich weiß, was es ist“, stammelte sie auf die entsetzten Blicke hin.
Ob diese Äußerung ein gutes oder ein schlechtes Zeichen war, blieb abzusehen.
„Es ist eins von diesen körperlosen Wesen, die wir in dem großen, schwarzen Klotz auf dem Esondo-Planeten getroffen haben, ganz sicher! Ihr wisst schon, die, die uns wahrscheinlich umbringen wollten“, erklärte Faye hastig. „Es muss sich irgendwie an Bord geschlichen haben und ich hab’s bis jetzt nicht bemerkt… Aber es ist ganz sicher da!“
„Das klingt logisch“, meinte Takeru, obwohl aus wissenschaftlicher Sicht so gar nichts Logisches dran war. „Und wo genau ist es jetzt?“
„Irgendwo weiter oben“, antwortete Faye schrill. „Wahrscheinlich auf dem vierten Deck...“
„Will es uns umbringen?“, fragte Hitch.
„Davon können wir ausgehen.“
„Los, aufteilen!“, befahl Roger. „Wir durchsuchen das vierte Deck!“
 
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chaste & yvi