Heute Als nichts
besser war
Dahinter Werke Erzähl
mir was
Mal
mir was
Post..?

„Das“, sagte der Bürgermeister mit ehrfurchtsvoller Stimme, „ist Kanzler Suhanoon vom Volk der Esondo. Das war eine hoch entwickelte Zivilisation, die älteste, die war gekannt haben, aber mit denen hat’s, schon einige Zeit bevor die Fenranier kamen, ein trauriges Ende genommen. Auf ihrem Planeten hatte schon vor Ewigkeiten die Eiszeit angefangen, alle Pflanzen sind eingegangen, und langsam wurde es wirklich zu kalt für die Leute. Wir haben ihnen angeboten, hierher zu kommen, aber sie haben gesagt, sie hätten schon eine andere Lösung gefunden. Dann waren sie plötzlich alle weg. Wir wissen bis heute nicht, was sie gemacht haben, und wir werden’s wohl nie erfahren.“ Malohan machte eine Pause, um nach dem Redeschwall wieder zu Atem zu kommen.
„Wo liegt denn dieser Planet – nur so aus Neugier?“, fragte Roger, um ganz sicher zu gehen, dass sie hier nicht aneinander vorbeiredeten.
„Moment“, sagte der Bürgermeister und wandte sich einem Bildschirm auf seinem Schreibtisch zu. Er ließ eine detaillierte Sternenkarte erscheinen. „Hier sind wir … da ist eine Ansammlung von uralten Zwergsternen, kurz dahinter ein Ausläufer des Kaninchenkopfnebels … und da drüben haben die Esondo gewohnt. Entfernung ungefähr 16 Lichtjahre.“
Jetzt gab es keinen Zweifel mehr. „Da waren wir schon“, sagte Roger endlich.
Malohan, Hiru und Zarnea machten große Augen, der Bürgermeister ließ zusätzlich sein Getränk fallen.
Siska war wirklich kurz davor „Hoffentlich fallen sie jetzt nicht auf die Knie und beten uns an“ zu sagen, aber sie konnte sich noch rechtzeitig die möglichen Folgen ins Bewusstsein rufen.
Da fiel Malohan auf die Knie und rief: „Die Götter haben Sie geschickt!“ Ein paar schockierte Blicke brachten ihn aber dazu, gleich wieder aufzustehen. Er wandte den Blick zur Decke und breitete euphorisch die Arme aus. „Ich wusste, dass diese Woche etwas Besonderes passiert, aber ich hätte nie gedacht, dass wir jetzt endlich vom Schicksal der Esondo erfahren! Ich rufe gleich den Präsidenten an!“
„Aber… Wir haben auch nicht rausgekriegt, was mit denen passiert ist“, wandte Jenikk vorsichtig ein.
Der Gesichtsausdruck aller anwesenden Einheimischen wechselte schnell zum „Wo-ist-die-nächste-Wand-ich-will-meinen-Kopf-dagegen-schlagen“-Blick.
„Aber… Wir haben in einem großen, schwarzen Gebäude eine Art Video gefunden“, sagte Chayenne. Die Weltuntergangs-Gesichter wandelten sich in erwartungsvolle. „Da ist dieser Kanzler Suhanoon zu sehen und er erzählt etwas. Wir haben es nicht geschafft, die Sprache zu übersetzen“, fuhr Chayenne fort.
„Aber wir können das übersetzen!“, jubelte der Bürgermeister. „JETZT rufe ich wirklich den Präsidenten an!“
Man konnte ihn glücklicherweise noch überzeugen, den Präsidenten erst anzurufen, wenn Ergebnisse vorlagen. Die Daten waren schnell vom Raumschiff herunter gesendet und ein Programm, das die hochkomplexe Sprache der Esondo entschlüsseln konnte, konnte auch noch irgendwo aufgetrieben werden.
Die Spannung stieg. Nur noch ein paar Minuten, und das Geheimnis um das Verschwinden einer ganzen Zivilisation würde hoffentlich gelüftet sein…

Es war jetzt mindestens das 237. Mal, dass die Leute von der Explorer V dieses Video sahen, aber sie konnten feststellen, dass es unheimlich Spaß machte, wenn man plötzlich alles verstand. Auch verständlich war allerdings, dass der Inhalt der Botschaft diese aufkeimende Freude etwas dämpfte.
Der alte, runzlige Mann, der also Kanzler Suhanoon vom Volk der Esondo war, erzählte diesmal folgendes: „Hallo, liebe Fremde, wer auch immer Sie sein mögen. Ich bin Suhanoon, Kanzler der Esondo, von denen nichts mehr übrig sein wird, wenn Sie diese Aufzeichnung sehen. Vielleicht haben Sie sich schon gewundert, warum Sie diesen Planeten so verlassen vorgefunden haben. Ich will es Ihnen erklären.“ Er rang sichtbar um Fassung, angesichts der Tatsache, dass er wusste, wie viele Minuten es noch bis zur Apokalypse waren. „Schon vor langer, langer Zeit hat eine neue Eiszeit begonnen. Bis jetzt haben wir es noch durchgestanden, aber es wird langsam zu kalt für das Leben auf diesem Planeten. Unsere lieben Freunde, die Makii, haben uns angeboten, zu ihnen überzusiedeln, aber das wollen wir ihnen nicht zumuten. Es gibt eine viel, viel bessere Lösung.“
Kanzler Suhanoon zeigte in einer weit ausholenden Geste auf die weiße Säule, die hinter ihm stand und die später den Raum in grelles, weißes Licht tauchen sollte. „Auf diesem Gerät hier hinter mir“, fuhr er fort, „lastet das Schicksal unseres gesamten Volkes.“ Man sah, wie er angestrengt nachdachte, um den folgenden komplizierten Sachverhalt möglichst verständlich erklären zu können. „Haben Sie vielleicht schon mal darüber nachgedacht, was mit den Zivilisationen passiert ist, die gelebt haben, bevor Ihr und unser Sonnensystem überhaupt entstanden ist? Wenn sie noch da wären, wo wären diese Leute dann heute? Wie fortschrittlich, erleuchtet und weise kann man überhaupt werden? Geht der Fortschritt unendlich weiter? Die Antwort darauf klingt vielleicht unglaublich, aber sie ist wahr.“
Der alte Mann redete schneller und schneller, um es endlich hinter sich zu bringen.
„Wenn man an einem bestimmten Punkt angekommen ist, an dem alles bis ins letzte Detail erforscht, beleuchtet und unters Volk gebracht ist, und wenn man nichts mehr erreichen kann, dann ist die Zeit gekommen, alles in diesem Universum hinter sich zu lassen und in eine höhere Daseinsform aufzusteigen. Sagen Sie selbst, haben Sie sich das nicht schon immer gedacht?
Ja, genau das ist mit den Völkern passiert, auf deren in eine unheimliche Aura getauchten Planeten wir mitten im Dschungel unzerstörbare Zahnprothesen und ähnliche Dinge gefunden haben, die sich anders schlecht erklären lassen. Und was hat das jetzt alles mit uns zu tun? Hier kommen wir auf dieses Ding zu sprechen.“ Er zeigte noch einmal auf die weiße Säule.
„Bis wir diese Schwelle zur höheren Daseinsform erreichen, dauert es noch ein paar Jahrhündertchen, so haben ein paar besonders kluge Leute ausgerechnet. Aber wir müssen jetzt hier weg, in ein paar Jahrhündertchen ist es zu spät. Also warum nicht dem Prozess ein wenig auf die Sprünge helfen?“ Das Staatsoberhaupt versuchte, feierlich zu klingen, aber stattdessen begann er vor Aufregung zu zittern.
„Genau dieses Ding hier hinter mir wird alle Esondo in diesem Sonnensystem in die, wenn wir es so ausdrücken wollen, nächste Dimension katapultieren. Zumindest, wenn es funktioniert. Wir haben keine Ahnung, was passiert, wenn es nicht funktioniert. Wir wissen ja nicht mal, wie es sein wird, wenn wir denn wirklich diese höhere Daseinsform erreicht haben. Das alles ist eine verdammt ungewisse Sache.“
Eine junge, schwarzhaarige Frau mit einem kompliziert aussenden technischen Gerät in der Hand trat ins Bild und sagte leise zu Suhanoon: „Sir, wir sind jetzt so weit.“
„Ich bin noch nicht fertig!“, zischte dieser zurück, wobei er wohl unwirscher klang, als er beabsichtigt hatte. „Der Weltuntergang kann doch bestimmt noch fünf Minuten warten.“ Die junge Frau warf ihm einen besorgten Blick zu und verließ den Erfassungsbereich der Kamera.
„So, gleich ist die Zeit gekommen“, nahm der Sprecher den Faden wieder auf. „Wegen der wahnsinnigen Ungewissheit gibt es natürlich auch mehr als genug Gegner dieser radikalen Maßnahme. Ich selbst habe nicht wirklich eine Meinung. Ich weiß nur, dass diese Spezialisten hier“ – Er deute auf einen Mann, der gerade durchs Bild lief. – „sich selten irren. Und ich weiß, dass in ein paar Minuten nichts mehr so sein wird wie bisher.“
Er verbeugte sich würdevoll und blickte ein letztes Mal mit seinen intensiven, hellblauen Augen genau in die Kamera. „Leb wohl, Universum.“
Dann war die Aufzeichnung beendet.

Eine ganze Zeit lang sagte niemand der Zuschauer etwas. Das Gehörte musste erst mal jeder für sich verarbeiten. Wie oft kam es schon vor, dass einem die Lösung eines der größten Rätsel des Universums auf dem Präsentierteller überbracht wurde? Aber konnte man sich überhaupt sicher sein, dass die Esondo sich über das Schicksal aller untergegangener hochentwickelter Zivilisationen sicher waren? Kanzler Suhanoon hatte nicht wirklich erklärt, wie man zu dieser Erkenntnis gelangt war.
„Okay, jetzt wissen wir endlich, wohin alle gegangen sind“, sagte Bürgermeister Malohan schließlich andächtig. „Aber was wir wohl wirklich nie erfahren werden ist, ob es funktioniert hat.“
Trotzdem hielt ihn keiner auf, als er diesmal wirklich den Präsidenten anrufen ging.
„Dann waren Fayes Gespenster wohl das, was von den Esondo … übrig geblieben ist“, setzte Roger das Puzzle zusammen. „Und auch hier können wir nicht erkennen, ob das denn alles so sein sollte.“
„Traurig“, kommentierte Siska, ausnahmsweise ohne jeglichen Sarkasmus. „Sehr traurig.“

Gegen Abend war die neue Fähre fertig. Ein paar technisch begabte Anwohner hatten einen kleinen, alten Raumgleiter, der noch aus besseren Zeiten übrig geblieben war, entstaubt und wieder instand gesetzt.
Es wurde auch langsam Zeit, aufzubrechen, denn inzwischen hatte wohl mindestens die halbe Planetenbevölkerung von den Besuchern erfahren und es war mit Sicherheit kein Spaß, die ganze Nacht lang peinliche Fragen von überdrehten Reportern zu beantworten. „Und Sie wollen jetzt wirklich in die Richtung weiterfliegen, wo Sie den Raum der Fenranier durchqueren müssen?“, fragte der Bürgermeister besorgt, als sie auf dem Weg zur Erdoberfläche waren.
„Mir wär’s auch lieber, wenn dem nicht so wäre“, antwortete Roger. „Aber das ist unsere einzige Option.“
„Immerhin haben wir schon angefangen, uns den Kopf darüber zu zerbrechen, wie wir das überleben“, meinte Chayenne. „Stimmt’s, Sissi?“
„Sei still, ich denke!“, knurrte Siska zurück. „Und wenn du mich noch einmal so nennst, dann röste ich dich bei lebendigem Leibe und esse anschließend dein Gehirn.“
„Ihr Außenweltler habt ja einen entzückenden Humor“, bemerkte Zarnea.
„So, da ist Ihre Rückfahrkarte!“, präsentierte Hiru den wieder flott gemachten Raumgleiter. „Gerade mal 20 Jahre alt ist das gute Stück, eine Varetta 22-XN, das Neueste, was die makiianischen Flottenwerften zu bieten haben! Und es ist sogar das am wenigsten durchgerostete Exemplar, das wir auf der Altmetall-Deponie finden konnten!“ Er schenkte seiner Umgebung ein gewinnendes Lächeln.
„Wow, wir wissen gar nicht, wie wir Ihnen danken sollen!“, witzelte Chayenne zurück.
Mitten auf der Wiese stand das kleine Raumschiff, das der alten Fähre gar nicht mal so unähnlich sah. Nur, dass es eine Frontscheibe hatte, die übrigens auf Hochglanz poliert worden war.
Es wurden die üblichen Höflichkeitsfloskeln ausgetauscht, viele Hände geschüttelt und man wünschte sich gegenseitig ein schönes Leben.
Dann stiegen alle Besucher in die neue Fähre. Zumindest alle bis auf Jenikk, denn sein linker Arm steckte quer in Poochies Maul. Zum Glück hatte das possierliche Tierchen noch keine Backenzähne. Aber es waren immerhin zwei starke Männer mit Brechstangen erforderlich, um die Kiefer wieder auseinander zu bekommen.
Die beiden etwa 9-jährigen Zwillingsschwestern, die man am Morgen kennen gelernt hatte, erklärten sich bereit, Poochie zu adoptieren.
 
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chaste & yvi