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Es waren nur wenige Meter bis zum Gebäude. Wenn man unten stand, wirkte es noch höher, schwärzer und vor allem abschreckender. Vielleicht war doch was dran an der Sache mit der unheimlichen Aura, die inzwischen jeder für sich als Einbildung abgestempelt hatte.
Das Bauwerk bestand aus einem Mineral, das nicht weiter bestimmt werden konnte, da es so auf keinem anderen bekannten Planeten auftauchte. Die Oberfläche war glatt und wie aus einem Guss, als hätte man das ganze Gebäude aus einem einzigen Felsblock geschlagen. Gruselige Vorstellung.
„Die müssen ganz schön weit entwickelt gewesen sein, wenn sie so was bauen konnten“, sagte Roger ehrfürchtig und berührte mit zitternden Fingern die Wand vor ihm. In grauer Vorzeit hatte er ein Architektur-Studium angefangen, bevor… Das war eine andere Geschichte.
„Moment mal. So glatt ist die Oberfläche gar nicht“, bemerkte Faye plötzlich, nachdem sie die Wand ausgiebig befühlt hatte. „Ist hier jemand mit 100% Sehstärke?“
Tatsächlich war das Material von winzigen Mustern und Strukturen durchsetzt. Es konnte sich auch um Schriftzeichen handeln. Die Einschnitte waren sehr schmal, aber tief. Unheimlich nah neben- und übereinander. Die ganze Wand schien von ihnen bedeckt zu sein.
„Die Zeichen wiederholen sich. Manche haben runde Formen. Die können nicht natürlichen Ursprungs sein.“ Hitch stieß fast mit dem Gesicht gegen die Wand, während sie sie untersuchte.
Eine Menge Fragen standen im Raum. Wer verzierte eine ganze Wand, vielleicht sogar das ganze Gebäude, mit winzig kleinen Hieroglyphen? Und vor allem wie und warum? Was für eine Bedeutung hatten sie? Erklärungen? Warnungen? Geschichten? Namen? Oder doch nur Dekoration?
„Wir gehen da jetzt rein und finden es raus“, sagte Roger entschieden und ging voraus, einen Eingang suchend. Die anderen folgten widerstandslos. Vergessen war alle Nervosität, vergessen war die friedhofsähnliche Atmosphäre auf der weiten, grauen Ebene, vergessen waren die verlassenen Straßen und Städte des Planeten. Es galt jetzt, das Geheimnis des seltsamen, schwarzen Gebäudes zu lüften und die Antworten dazu gab es wahrscheinlich nur in dem Gebäude selbst.
Kurz vor der Ecke befand sich ein Eingang. Es handelte sich dabei um ein simples Loch in der Wand.
„Entweder hatten die keine Angst vor Einbrechern oder sie haben nicht erwartet, dass jemals wieder jemand hier vorbeischaut“, murmelte Hitch, während sie die Lücke im schwarzen Stein betrachtete. Das Fehlen einer mehrfach abgesicherten Panzerstahltür warf natürlich alle Theorien über ein geheimes Forschungslabor, eine gigantische Schatzkammer oder sonstige der Öffentlichkeit nicht zugänglichen Anlagen über den Haufen.
„Vielleicht ist es ein Tempel? Oder ein Denkmal? Jedenfalls irgendwas, wo die Leute ein- und ausgehen konnten“, überlegte Paolo laut.
„Dann sind die Leute wahrscheinlich mit Taschenlampen ein- und ausgegangen. Stockfinster da drin“, stellte Roger fest. Daraufhin packten sie stillschweigend ihre eigenen Taschenlampen aus, holten noch einmal tief Luft und betraten schließlich das seltsame schwarze Gebäude.


5


Trotz Taschenlampen und dem bisschen Licht, das durch den Eingang fiel, war erst mal nicht viel zu erkennen. Das konnte eventuell daran liegen, dass Boden und Wände schwarz waren und sich in dem Raum, Gang oder was immer es war, keine Gegenstände befanden.
Scharf begrenzte, helle Lichtkegel huschten über den Boden, um nach Falltüren, Skeletten, Treppenstufen und anderen Stolperfallen Ausschau zu halten. Als ziemlich sicher war, dass sich außer einer Staubschicht nichts auf dem Boden befand, wagten sich die Astronauten – Immer schön zusammenbleiben! – ein paar Schritte vor.
Plötzlich ertönte ein lautes Rauschen und noch bevor sie kapierten, was los war, schien alles um sie herum in Flammen zu stehen. Das war ein guter Moment, um in Panik zu geraten.
Paolo taumelte rückwärts gegen Faye und beide gingen zu Boden, Roger stolperte über sie, Hitch fing an zu kreischen, dass jedes Blondinchen mit Chihuahua in der Handtasche neidisch geworden wäre, und Takeru war mit einem Sprung draußen, wo er sich flach auf den Boden legte und den Kopf mit den Armen bedeckte.
Dabei war doch eigentlich gar nichts Schlimmes passiert. An den Wänden der kleinen Vorhalle, die sie betreten hatten, hatten sich bloß ein paar Dutzend Fackeln entzündet.
„Diese Szene kommt nicht ins Logbuch“, sagte Roger, als alle sicher waren, dass sie nicht von rotäugigen Zombies mit Maschinengewehren angegriffen wurden. „Aber wir müssen uns jetzt zusammenreißen. „Wie viele Fälle sind schon dokumentiert, wo Leute krepiert sind, weil sie panisch rumgeschrieen haben statt angemessen zu reagieren.“
„Was wär denn ’ne angemessene Reaktion auf das hier gewesen?“, erkundigte sich Paolo. „Wir hätten sagen können: ‚Oh, wie schön, Licht, jetzt brauchen wir wenigstens die blöden Taschenlampen nicht mehr!’“ Leicht genervt versuchte Roger die Hand abzuschütteln, die seinen Puls fühlen wollte. „Nee, keine Ahnung, sonst wär ich ja nicht panisch rumschreiend über dich gestolpert. Tatsache ist, dass hier irgendwas in der Luft liegt, das uns alle ganz kirre macht.“
Das war ein wahres Wort. So schreckhaft hatten sie sich alle schon lange nicht mehr gesehen. Erwarteten sie etwa immer noch, irgendwann den Geistern der verstorbenen Planetenbewohner zu begegnen?
„Wenn dein Puls nicht bald runtergeht, muss ich dich ruhig stellen“, erklärte Takeru.
„Wenn du dir nicht bald was anderes zum Festklammern suchst als meine Hand, findet diese Hand ganz schnell den Weg zu deinem Gesicht“, knurrte Roger, der diese meistens wirkungsvolle Antwort nicht zum ersten Mal verwendete.

Zeit zum Aufbruch. Von der Vorhalle, in der sich außer den Fackeln nichts befand, führte ein dunkler, schmaler Gang weg. Diesmal waren die fünf nicht ganz so erschrocken, als sich massenhaft Fackeln von selbst entzündeten, um den Gang zu erhellen.
„Beruhigen wir uns mit dem Gedanken, dass die Leute einfach zu plötzlich ausgestorben sind, um den Bewegungsmelder abzuschalten“, schlug Paolo vor.
Als sie ein paar Schritte gegangen waren, erloschen die Fackeln in der Vorhalle wieder. Traurig, dass alle Energiesparmaßnahmen die untergegangene Zivilisation des Planeten nicht hatten retten können.
„Warum eigentlich Fackeln?“, fragte Hitch plötzlich und blieb stehen. Die anderen drehten sich um und starrten sie an, als hätte sie sich in ein Eichhörnchen verwandelt. „Ich meine, wenn die so hoch entwickelt waren, dass sie Gebäude bauen konnten, die aussehen wie aus einem Felsblock gehauen, und Bewegungsmelder und den ganzen Kram, den wir aus dem Orbit gesehen haben, warum dann Fackeln und nicht elektrisches Licht?“, fügte die Pilotin erklärend hinzu.
Ratter ratter. Man konnte es hinter den Stirnen arbeiten sehen.
„Vielleicht hatte der Architekt ’ne altmodische Ader“, meinte Roger schließlich und alle fanden, dass das die richtige Lösung war, vor allem, weil sie sehr harmlos und überhaupt nicht seltsam klang. Ein Stück Normalität in einem großen, schwarzen, geheimnisvollen Gebäude auf einem grauen, kalten, leblosen Planeten?
Der in gleichmäßigen Abständen mit Fackeln bestückte, endlos verwinkelte Korridor wand sich um unzählige Ecken durch das gesamte Erdgeschoss. Es hatte den Anschein, als hätten es die Erbauer darauf angelegt, spätere Besucher möglichst lange Wege zurücklegen zu lassen. Ein Labyrinth war’s jedenfalls nicht, denn es gab keine einzige Abzweigung.
Hinter einer weiteren Ecke gab es endlich etwas anderes zu sehen als schwarze Wände und Böden sowie automatische Fackeln. Dicht an der Wand ragte schmale Treppe empor, die aus einem betonähnlichen Material bestand.
„Die hatten also tatsächlich Treppen. Wahrscheinlich waren sie uns gar nicht mal so unähnlich“, bemerkte Takeru. Es war durchaus nicht selbstverständlich, dass eine Spezies Treppen erfand. Ein Volk, das zum Beispiel keine Beine hatte, konnte ja nichts damit anfangen.
Diesmal ging Paolo voraus. Mit einem Scanner in der Hand betrat er vorsichtig die unterste Stufe. Sie hielt, ebenso wie alle weiteren.
Oben angekommen fand er weitere schwarze Wände mit Fackeln dran vor. Nachdem er ein bisschen den Scanner herumgeschwenkt hatte, kletterte er etwas enttäuscht wieder nach unten.
„Ihr könnt kommen, die Luft ist rein. Noch so ’n blöder Gang. Und die Strahlung, die wir draußen schon registriert haben, wird etwas stärker. Sonst scheint alles in Ordnung zu sein.“
Einer nach dem anderen stieg nach oben und als sie wieder komplett waren, gingen unten die Fackeln aus.
Vor ihnen lag ein weiterer von offenem Feuer erleuchteter, verwinkelter Gang. Es war nicht gerade lustig, jeden Moment das Schlimmste zu erwarten und dann doch immer nur das gleiche zu sehen.
„Ich komm mir vor wie in ’nem drittklassigen Horrorschocker“, sagte Hitch nach der x-ten völlig unnötigen Kurve, die der Gang beschrieb. „Das hier könnten auch der Keller einer ägyptischen Pyramide sein. Hört ihr auch schon die bedrohliche Musik in euren Köpfen? Die Mumie schleicht langsam von hinten heran. Sie beobachtet uns. Plötzlich setzt sie zum Sprung an und - “
„Ich will euch ja nicht beunruhigen“, unterbrach Faye sie plötzlich, „aber ich glaube, wir werden wirklich beobachtet…“
„Und von wem?“, erkundigte sich Roger, der diese Vorstellung, sollte etwas Wahres dran sein, äußerst beunruhigend fand. „Wir haben den ganzen Planeten gescannt. Abgesehen von uns gibt es hier kein einziges Lebewesen.“
„Sicher? Ich lege mein Leben nicht gerne in die Hände eines Computers“, gab Faye zurück. Man konnte zusehen, wie langsam die Farbe aus ihrem Gesicht wich. „Ich schwöre, hier ist jemand…“
„Alles Einbildung“, versuchte Hitch das Problem von einer anderen Richtung anzugehen, wobei sie nicht sehr überzeugend wirkte. „Wir sind hier immerhin in ’nem gruseligen, schwarzen Betonklotz auf einem verlassenen Planeten. Ich bin auch schon so weit, dass ich wirklich hinter der nächsten Ecke die Mumie erwarte.“
„Unheimlich ermutigende Worte“, zischte Faye zwischen zusammengebissenen Zähnen und schaute sich hektisch um. Sie ließ den Blick über Boden, Decke und Wände schweifen, anscheinend nicht sicher, wonach sie eigentlich suchte. „Es sind mindestens ein Dutzend.“
Sie schien es wirklich ernst zu meinen, und das beunruhigte die anderen wirklich.
„Komm jetzt. Vielleicht haben sich die zwölf unsichtbaren Leute hier in der Ecke zum Kaffeetrinken verabredet und wollen jetzt allein sein“, meinte Paolo, packte Faye am Arm und zog sie mit sich, da sie sonst wie angewurzelt stehen geblieben wäre. Er begann, ihr zu glauben. „Folgen sie uns?“
„Nicht alle, nur ein paar“, sagte sie leise und blickte immer wieder nach hinten.
„Ich werd’ nicht gerne von Gespenstern verfolgt“, knurrte Roger, der voraus ging. Er merkte langsam, dass es keine gute Idee gewesen war, den Planeten zu betreten. Eigentlich war er sogar schon darauf gekommen, als er mit dem Gesicht im Matsch gelandet war. Aber er hatte es erfolgreich verdrängt.
Die nächste Betontreppe tauchte diesmal nach weniger Ecken auf. Das war keineswegs überraschend, denn die fünf Astronauten hatten schon von der Anhöhe aus gesehen, dass das Gebäude nach oben schmaler wurde. Wenn der treppenartige Aufbau keine optische Täuschung war, lag zwischen diesem und dem obersten Stockwerk nur noch eine Etage.
 
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