Heute Als nichts
besser war
Dahinter Werke Erzähl
mir was
Mal
mir was
Post..?


»Aaaaah, ein Bär!«, schrie jemand, warf sich auf den Boden und bedeckte den Kopf mit den Armen.
»Hi«, sagte Lotti.
»Lotti!«, schrie Frau Schmitt, sprang auf, um ihn zu umarmen, und überlegte es sich dann noch mal anders, um weiterhin Autorität ausstrahlen zu können.
Während wir uns alle freuten, nicht nur nicht gefressen zu werden, sondern sogar unseren vermissten Mitschüler wieder bei uns zu haben, begann Frau Schmitt, ihm hysterische Fragen zu stellen.
»Kind, wo warst du denn? Geht es dir gut? Hat dir jemand was angetan? Wie bist du verloren gegangen? Hat dich ein Tier gebissen?«
Lotti machte nicht den Anschein, diese Fragen beantworten zu wollen. Er stand still zwischen Bäumen und Lagerfeuer, etwas zerstrubbelt und sehr dreckig, mit starrem Blick und dem wahnsinnigen Grinsen eines Menschen, der gerade den Sinn des Lebens oder auch des Universums erfahren hat, obwohl er eigentlich schon vorher wusste, dass er nicht damit zurecht kommen würde.
»Ich habe Pilze gegessen«, sprach er schließlich langsam und eindringlich, ohne das wahnsinnige Grinsen abzulegen, was den Gesetzen der menschlichen Anatomie ein wenig zuwiderlief. »Die, wo Sie dem Förster verboten haben, uns was drüber zu erzählen. Wollen Sie auch welche haben?«
Er hob die Hände und streckte Frau Schmitt unter großem Gelächter der restlichen Anwesenden ein halbes Dutzend eigentlich recht unauffälliger Pilze entgegen.
»Ja, und zwar alle«, erwiderte diese in plötzlich sehr eisigem Ton.
»Hey, cool«, sagte Lotti mit einem verschwörerischen Zwinkern, taumelte zu den Bänken und überreichte der Lehrerin treuherzig die Pilze. Dann setzte er sich auf einen freien Platz und starrte grinsend ins Feuer.
»Frau Schmitt, krieg ich auch einen?«, fragte Paul.
»Nein!«, zischte sie und deponierte die einkassierten Genussmittel zwischen sich und Herr Kulosik auf der Bank. Jedem, der es noch wagte zu kichern oder Äußerungen wie »Lotti, welche Farbe hat mein Gesicht?« von sich zu geben, warf sie einen vernichtenden, wenn auch ignorierten Blick zu, und verbrachte den Rest des Abends in pikiertem Schweigen.
Nachdem Herr Kulosik uns ins Bett geschickt hatte, sprach sie zumindest mit ihm wieder. Sie sagte laut und panisch: »Klaus, wo sind die Pilze?« Und Herr Kulosik sagte ein ganz schlimmes Schmipfwort.

Klassenfahrten sind etwas abgrundtief Böses.
Sie verursachen schwerwiegende Schäden an Leib, Seele und zwischenmenschlichen Beziehungen der Reisenden.
Die Begegnung mit den Killerhornissen in der Nähe der kleinen Gartenlampe vor unserer Hütte führte glücklicherweise nur zu einem seelischen Schaden, doch auch dieser hätte vermieden werden können. Die Hornissen hatten die Körperlänge eines handelsüblichen Kugelschreibers und summten alle zusammen so laut wie ein handelsüblicher Staubsauger. Vielleicht zerquetschten wir eine in der Tür, genau nachsehen wollte niemand. Dass sich das Fenster nicht mehr einhängen ließ, war äußerst beunruhigend.
Alle drei Arten von Schaden verursachte der prognostizierte Zusammenbruch eines Stockbettes. Als Marcella, der heutigen Ernährungslage nach wahrscheinlich weniger als 45 Kilo, sich etwas zu energisch hinlegte, gab die Konstruktion nach. Laura, die sich aufgrund ebendieses Risikos noch nicht auf der unteren Matratze platziert hatte, bekam einen Pfosten gegen den Kopf, woraufhin sie die unter Schock stehende Marcella mit einem Kissen verhaute.
Mein beherztes Eingreifen mit dem weisen Satz »Krieg ist für Leute, die keine Argumente mehr haben!« verhinderte Schlimmeres.
Das Bett ließ sich nicht wieder aufbauen. Marcella schlief auf dem Trümmerhaufen, Laura auf dem Boden und ich fand mich auf gefühlten 70 Zentimeter Breite unten bei Nadine wieder. Wir wollten nämlich kein Risiko eingehen und noch weiterleben, wenigstens ein paar Stunden.
Die Jungs in einer der Hütten auf der gegenüberliegenden Seite der Lichtung spielten das Spiel, bei dem man reihum das Wort »Penis« sagen muss, und zwar jedes Mal lauter, bis sich jemand nicht mehr traut. Da die Teilnehmer dieser Runde nicht auf den Mund gefallen waren, spielten sie es ziemlich lange. Bis keiner mehr lauter schreien konnte. Und dann spielten sie es noch mit ein paar anderen Wörtern.
»Meint ihr, die haben die Pilze?«, fragte Nadine.
»Nein, dafür braucht man keine Pilze«, sagte ich.

4

Der Dienstag begann mit einem erfrischenden, frühmorgendlichen Entsetzensschrei. Er rührte daher, dass Nadine von einer Heuschrecke geweckt wurde, welche sich auf ihrem Gesicht niedergelassen hatte.
Dieser Dienstag wurde also ganz schnell zu dem Tag, an dem ich den Entschluss fasste, mich an allen Heuschrecken, die mir jemals begegnen würden, dafür zu rächen, dass Nadine mich nun durch panische, unkontrollierte Bewegungen aus dem Bett schubste. Das war wahrlich keine empfehlenswerte Art, einen Tag zu beginnen.
»Aiiiiiieeeeehhhh! Sie sind überall!«, stellte wenige Sekunden später auch Marcella fest, sprang auf, stolperte über Laura und fiel auf mich.
»Ich hasse mein Leben«, kommentierte ich.
Der Raum war voller Heuschrecken. Das konnte keine natürliche Ursache haben, denn für die Heuschrecken gab es keinen ersichtlichen Grund, einen Ort mit Nahrung gegen eine sparsam eingerichtete Blockhütte einzutauschen. Da sich auf die Schnelle kein Indiz finden ließ, wer genau die unnatürliche Ursache gewesen sein konnte, schob ich diesen Gedanken erst einmal beiseite, um aus Solidaritätsgründen auch ein bisschen in Panik zu geraten.
Die Heuschrecken waren grün und gruselig und manche machten hastige Bewegungen, während ich versuchte, sie mit dem Besen, den wir nicht zurückgebracht hatten, vor die Tür zu fegen. Von der gegenüberliegenden Seite der Hütte kamen gelegentlich schrille Anfeuerungsrufe, wenn ein Insekt zu weit in die falsche Richtung sprang. Das half nicht viel weiter, aber es brachte den Kreislauf aller Beteiligten in Schwung. Laura bevorzugte es, mit dem Gesicht nach unten auf dem unbeschädigten Bett zu liegen und den Tag langsam angehen zu lassen.
Als die Heuschrecken nach einigen Minuten vollständig vertrieben waren, war es immer noch sehr früh am Morgen und wir waren wach. Der einsame, seelisch beschädigte gelbe Sessel in der Ecke hielt das für einen geeigneten Zeitpunkt, eine neue unschöne Duftwolke auszustoßen. Vielleicht war das ein Zeichen, dass wir verschwinden sollten. Jedenfalls taten wir’s.
Der Zeitpunkt, an dem noch niemand sonst auf den Beinen war, war ein geeigneter Zeitpunkt zum Duschen. Auch so empfand es sich schon als schlimm genug, auf welche kranke, abartige Weise das Schloss der Duschhäuschentür nach Jahrzehnten extensiver Benutzung einfach herausgefallen war.
Dieser indiskutable erste Eindruck ließ sich durch die Inneneinrichtung noch toppen.
»Das ist demütigend. So was von demütigend«, sagte Marcella.
»Wir werden uns außerdem alle Fußpilz holen«, sagte Nadine.
Im Duschhäuschen war das Licht etwas besser als im Klohäuschen, was stark von Nachteil war. Genau so stellte man sich die Duschen eines ganz miesen Hallenbads in einem ganz miesen Stadtteil vor, das unter anderem aufgrund dieser Duschen kurz vor der Schließung stand. Abgesehen vom Zustand des Bodens, auf dem barfüßiges Herumlaufen, vor allem mit einer nicht unbeträchtlichen Menge Blasen, schier unvorstellbar schien, fehlten die Trennwände, die die Benutzer dieser Einrichtung eigentlich vor neugierigen respektive verächtlichen Blicken bewahren sollten.
Die letzte dieser Trennwände lag in einer Ecke und war erst ein ganz kleines bisschen grün. Sie war sicher einmal eine gute Trennwand gewesen. Viele Leute hätten noch heute ihre Dienste geschätzt.
»Aiiiiiieeeeehhhh!«, schrie Marcella, als sie das Wasser anmachte.
Man zwang sich, nicht zur Seite zu schauen, sondern sich darauf zu verlassen, dass die Temperatur des Wassers Ursache dieses Schreis war.
Das Wasser war wirklich verdammt kalt. Und es wurde nicht warm. Das lenkte ein bisschen von der Demütigung ab, zusammen mit Leuten, mit denen zusammen man nicht unbedingt unbekleidet in einem Raum stehen wollte, unbekleidet in einem Raum zu stehen. Aber nur ein bisschen.
Wir hätten natürlich auch einzeln duschen können. Allerdings war es auch sehr demütigend, alleine in einem ekligen, großen, nassen Raum voller Duschen zu sein, während drei andere Leute vor der nicht abschließbaren Tür warteten.
Gemeinschaftsduschen ohne Trennwände sind etwas abgrundtief Böses.
»Hört auf zu gucken, ob ich ein Nippelpiercing habe«, sagte Laura.
»Woher willst du denn wissen, ob wir gucken, wenn du selber nicht zur Seite gucken darfst?«, erwiderte ich.
»Ich weiß es einfach.«
»Wir gucken aber nicht«, versicherte ich, intensiver denn je die eklige Wand anstarrend.
Einige Sekunden mehr oder weniger peinlichen Schweigens vergingen.
»Hast du denn eins?«, fragte Marcella.
»Nein!«, grummelte Laura, was definitiv keine zufriedenstellende Antwort war.

Vor dem großflächig zersplitterten Spiegel im Klohäuschen trafen wir Frau Schmitt, die versuchte, sich die Wimpern zu tuschen. Sie musste sich ein wenig strecken, um die einigermaßen heile obere Partie des Spiegels zu erreichen, noch dazu mit ihrem Kulturbeutel zwischen den Knien.
»Guten Morgen, Frau Schmitt. Vermissen Sie auch grundlegende sanitäre Einrichtungen der modernen Zivilisation?«, begrüßte ich sie.
»Guten Morgen«, erwiderte sie mit einem Lächeln, das nicht mehr ganz so ausgeprägt war wie am Vortag, aber immer noch deutlich vorhanden. »Ja, es ist schon ein bisschen unpraktisch, dass es in den zwei Badezimmern im Hauptgebäude auch keinen Spiegel gibt. Aber ansonsten gefällt es mir hier immer noch.« Die Sache mit Lotti hatte sie anscheinend sehr gut verarbeitet.
Wir beschlossen einvernehmlich, nichts zu erwidern. Jedes Jammern führte erfahrungsgemäß nur zur Belustigung der Lehrkraft.
Frau Schmitt verschwand schnell und fröhlich summend wieder von diesem unwirtlichen Ort und überließ uns den Spiegel. Marcella und ich waren zu klein für den Spiegel. Die Liste der Dinge, die mich aufregte, wuchs und wuchs.
Es ist der ultimative Vertrauensbeweis, jemand anderen mit einem aus dieser Perspektive sehr bedrohlich wirkenden Kajalstift in der Nähe seiner Augen herumhantieren zu lassen. Die Anzahl der Verletzungen nach dieser Aktion belief sich vorerst auf Null. Aber uns standen ja noch drei weitere Tage bevor.
Vor dem Frühstück bauten wir noch einmal den Campingkocher auf und zapften abzukochendes Wasser aus dem einsamen, kleinen Waschbecken. Es war nicht schön gewesen, wie am Abend zuvor ein großer Teil der 24 Schüler versucht hatte, sich gleichzeitig die Zähne darüber zu putzen.
Unser sauberes Trinkwasser machte uns stolz. Es war so unglaublich toll, dass wir es hätten verkaufen können. Das sahen wir an der Zahl der Leute, die zweifelsfrei den Tee aus dem riesigen Behälter im Gemeinschaftsraum getrunken hatten und sich in der folgenden halben Stunde teilweise mehrmals schnellen Schrittes und mit ungesunder Gesichtsfarbe zum Klohäuschen begaben und mit noch ungesunderer Gesichtsfarbe wieder herauskamen. Aber wir waren ja zivilisierte Menschen und wollten uns daher nicht an lebensnotwendigen Dingen bereichern. Jedem, dem sein Wohlbefinden inzwischen wichtiger war als sein Stolz, gaben wir so viel, wie er wollte.


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chaste & yvi