Heute Als nichts
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Prolog

Kathleen Teri Peaks knallte die Wohnungstür hinter sich zu, schleppte sich zum Sofa, ließ sich darauf fallen und warf den Packen Zeitungen, den sie mitgebracht hatte, auf den Couchtisch. Etwas mehr als eine Minute musste sie erst mal um Atem ringen, denn neben der obligatorischen morgendlichen Runde um den Block war sie auch noch zum Kiosk und zurück gejoggt und hatte die 268 Stufen zu ihrer Wohnung im Eiltempo erklommen. Es war schon toll, im vierthöchsten Stock des drittteuersten Hochhauses in Chicago zu wohnen, aber es war immer wieder ein großes Ärgernis, wenn der Aufzug ausfiel. Allerdings sollte das nicht das größte Ärgernis des Tages sein.
Als sie sich erholt hatte, nahm Kathleen den Zeitungsstapel auf dem Couchtisch in Angriff. Sie hatte von jeder Tageszeitung ein Exemplar gekauft, weil sie darauf brannte, zu erfahren, was sie über das wahrscheinlich größte Ereignis des Jahres schrieben. Zuerst verschaffte sie sich einen Überblick über die Titelseiten der Zeitungen. Auf jeder prangte groß und in Farbe das gleiche Bild: Die neun Leute, die sie heute ins All schießen würden.
Das Bild war allerdings das einzige, was die Titel-Storys der verschiedenen Zeitungen gemeinsam hatten. Kathleen studierte alle Artikel, und was sie da zum großen Teil las, machte sie nicht glücklich. Dass die Meinungen der Zeitungen über die Mission sehr weit auseinander gingen, konnte man schon an den Schlagzeilen erkennen. Es ging von „Start wird 2 Milliarden Menschen an die Bildschirme fesseln“ über „Das nächste Kapitel der wohl größten Weltraum-Soap beginnt“ bis hin zu „Das sind die neu(e)n Lebensmüden“. Kathleens Miene verfinsterte sich, als sie den zugehörigen Artikel zur letzten Überschrift las. ‚Nichts wissen die, gar nichts!’, sagte sie zu sich selbst. ‚Die meisten von denen, die sich darüber lustig machen, waren niemals da draußen. Ich wünschte, die könnten wenigstens mal eine Umlaufbahn mitfliegen, dann wüssten sie, was dieser Job wirklich bedeutet.’
Es ging um die aktuelle Explorer-Mission, der inzwischen fünfte Teil des großen Weltraum-Erforschungs-Projekts. Darum hatte man auch den äußerst kreativen Namen „Explorer V“ ausgewählt. Der Grund, warum Kathleen Teri Peaks über den Spott der Tageszeitungen so aufgebracht war, war der, dass sie selbst tief in der Sache drinsteckte. Elf Jahre war es her, dass sie selbst Commander der ersten Explorer-Mission „Explorer I“ gewesen war. Und das war der Grund, warum sie sich diese Wohnung leisten konnte und warum sie zur Projektleitung der aktuellen Mission gehörte. Gut, dass der Rest der Projektleitung nicht sehen konnte, wie Kathleen jetzt alle Zeitungen zerriss und schreiend auf den Fetzen herumtrampelte.
„Guten Morgen, Kathy“, begrüßte sie ihr Lebensgefährte Daniel, der lässig im Türrahmen Richtung Flur lehnte. „Gibt’s schlechte Neuigkeiten? Oder ist der Kaffee alle?“
Wäre ihr Gesicht nicht schon tomatenrot gewesen, wäre es das spätestens jetzt geworden. Eine Frau in ihrer Position konnte sich solche Ausbrüche eigentlich nicht erlauben, denn wer wusste schon, wo die nächste Kamera einer Klatsch- und Tratschsendung durch die Lüfte schwebte. Erst vor wenigen Wochen hatte man den Gesundheitsminister dabei gefilmt, wie er eine fettige Pizza vom Pizza-Dienst gegessen hatte. Kathleen schob die Papierschnipsel so unauffällig wie möglich mit dem Fuß unter den Couchtisch und brachte ihre Frisur in Ordnung.
„Was schreiben sie denn wieder Schlimmes?“, fragte Daniel und kam näher, als er sicher war, dass Kathleen nicht mehr um sich schlug.
Sie lachte freudlos auf. „Viel Schwachsinn über Explorer V“, erklärte sie und begann, sein Hemd auf- und wieder richtig zuzuknöpfen. Irgendwie vergaß er jeden Morgen den vierten Knopf von oben, was aber glücklicherweise schon seine größte Macke war. „Hier, die ‚Worldnews’ schreibt zum Beispiel, dass die Raumflotte das nur machen würde, weil ihr nichts Neues einfiele und dieses Schundblatt hier…“ Sie fischte einen der größten Fetzen unter dem Tisch hervor und hielt ihn in die Höhe. „Dieses Schundblatt schlägt vor, das Geld lieber in ein neues Klopapier-Museum zu investieren. Meinst du, ich sollte versuchen, die zu verklagen?“
„Trink erst mal ’nen Kaffee“, meinte Daniel mitfühlend. „Dann sieht die Welt bestimmt gleich ganz anders aus.“
„Kaffee ist alle“, sagte Kathleen und zog geistesgegenwärtig eine unscheinbare, handliche Laserpistole aus dem Blumentopf neben dem Fenster, um eine davor herumschwirrende Fernsehkamera abzuschießen.

Eine halbe Stunde später war sie auf dem Weg zur Arbeit, und zwar zu Fuß. Vor ein paar Jahren hätten sämtliche Menschen und andere Leute, denen sie über den Weg lief, sie um ein Autogramm angebettelt oder sie entführt. Aber die Zeiten waren vorbei, der Weltraum-Wahn hatte etwa dann aufgehört, als die Einwohnerzahl der größten Stadt auf dem Mars die Zweitausender-Marke erreicht hatte. Es gab einfach nichts Neues mehr zu entdecken, zumindest glaubten das viele. Das war nicht wahr, man hatte schließlich gerade mal zehn Prozent der Milchstraße erforscht, an andere Galaxien war gar nicht zu denken. Und alle wollten schon aufgeben und sich wieder auf ihrem mickrigen, blaugrauen, ausgelaugten Planeten einigeln? Nicht zu fassen, fand Kathleen. Was wohl die Leute auf Taretia, Meku und den ganzen anderen Planeten, mit deren Bewohnern die Terraner inzwischen Freundschaft geschlossen hatten, darüber dachten?
Eine Gruppe von Menschen und Außerirdischen, die alle sehr betrunken zu sein schienen, überquerten laut singend und Schilder schwenkend die Straße. Auf den Schildern standen Sachen wie ‚12. 10. 2104 – Ein neues Datum für die Geschichtsbücher’ oder ‚Weg mit der 42-Lichtjahre-Grenze!’. Auf einem war das in allen Zeitungen erschienene Foto aufgeklebt und darüber stand ‚Unsere Helden’.
‚Vielleicht gibt es doch noch Hoffnung’, dachte Kathleen und wünschte der Prozession einen schönen Tag.

1

Roger Owen bedachte das Foto an der Wand mit einem verächtlichen Blick, was er fast immer tat, wenn er es sah. Es war das Foto, das am 12. 10. in allen Tageszeitungen und in jeder Nachrichtensendung aufgetaucht war, und er mochte es nicht. Das lag zum einen daran, dass sie darauf alle bescheuert in die Kamera grinsten, aber viel schlimmer war, dass er selbst etwas Grünes zwischen den Zähnen hatte. Roger hatte keinen einzigen Artikel aus den Tageszeitungen gelesen und er wusste auch nicht, was im Moment auf der Erde los war, aber irgendwie hatte er den Verdacht, dass sich gerade die ganze Welt über ihn lustig machte. Optimale Beschaffenheiten für den Commander des momentan modernsten Raumschiffs innerhalb der 42-Lichtjahre-Kugel.
Wieder einmal fragte er sich, warum er das Bild nicht einfach abhängte. Irgendwas hinderte ihn daran, aber er kam einfach nicht drauf. Vielleicht lag es ja daran, dass er ein unheimlicher Sturkopf war und dem blöden Bild diesen Sieg nicht gönnen wollte. Genau, das musste es sein. Aber zugegeben hätte er das niemals.
Nachdem er dem Foto lange genug tiefste Verachtung entgegengebracht hatte, ging er ins Bad, um sich über sein Spiegelbild aufzuregen. Ihm blickte ein stirnrunzelndes, unrasiertes Gesicht entgegen, über dem ein mit widerlichen grauen Strähnen durchzogener brauner Haarschopf in alle Richtungen abstand. Die Frisur ließ sich mit Kamm und Wasser in Ordnung bringen, aber die grauen Strähnen, die Roger zusammen mit den durch das viele Stirnrunzeln entstandenen Falten viel älter aussehen ließen, als er war, blieben. Er war zu eitel, um sie zu akzeptieren, und zu stolz, um sie zu überfärben. Also blieb ihm nichts anderes übrig, als sich über sie aufzuregen. Auch gut.
Ein paar Sekunden später hatte er sein Spiegelbild lange genug böse angeguckt, und seine Miene hellte sich auf. Wenn man, so hatte er vor ein paar Jahren gelesen, seine negativen Emotionen morgens und abends irgendwo ablud (möglichst, ohne dass jemand anders zu Schaden kam), konnte man viel zufriedener durch den Tag gehen beziehungsweise besser schlafen. Und, oh Wunder, es funktionierte. Vielleicht war Roger auch ein bisschen verrückt, aber wenn jemand ihn auf dieses Thema ansprach, fragte er sein Gegenüber immer, was es so für Sachen tat, wenn es allein zu Hause war.

Leichtfüßig schritt der Commander durch die Korridore des Raumschiffs Explorer V, das er seit etwas mehr als zwei Wochen sein vorübergehendes Zuhause nannte; man sah ihm absolut nicht an, was er vor dreieinhalb Minuten getan hatte. Schließlich war er an diesem Tag noch zufriedener als sonst, weil etwas wirklich Großes bevorstand…
Der Lift zur Kommandobrücke gab ein melodisches Surren von sich, als die Tür aufglitt. Er war der einzige Weg dorthin, wenn man mal von einer hinter der Wand verborgenen, unangenehm schmalen Leiter zwischen einer Menge Kabeln und Leitungen absah, denn die Brücke war der einzige Raum des obersten Decks. Manchen Leuten bereitete es Schwierigkeiten, sich in einem Raum ohne Türen aufzuhalten, aber dafür gab es natürlich spezielle Trainingskurse.
Das Raumschiff bestand aus vier Decks, war also relativ klein, und die Besatzung bestand aus neun Personen, was auch ziemlich mickrig war. Natürlich gab es dafür einen Grund, und zwar den, dass diese Personen mindestens geschlagene zehn Monate miteinander zu verbringen hatten, auf diesen Zeitraum war die Mission nämlich in etwa ausgelegt. Die Aufgabe dieser Mission war eher unspektakulär, sie bestand darin, einfach ein bisschen durch die Gegend zu fliegen, fremde Sonnensysteme zu erforschen und die gesammelten Daten zur Erde zu schicken. Allein die neun Personen an Bord fanden gar nichts Unspektakuläres daran, denn sie würden die Ersten sein, die die 42-Lichtjahre-Kugel in Richtung Galaktisch-West verließen. Und zwar noch an diesem Tag.

Bevor Roger den Lift verließ, setzte er sein charmantestes Lächeln auf, damit die anderen auch alle gute Laune bekamen.
„Guten Morgen, Commander. Du bist 49 Sekunden zu spät“, strahlte Marilyn Hitch, die Pilotin, ihn an. Mit 19 Jahren war sie mit Abstand die Jüngste im Team. Die Raumflotte hatte eine große Auswahl an erfahreneren Piloten gehabt, aber die hatten alle ungeheuer kostspielige Gegenleistungen wie lebenslange Befreiung von der Steuer oder die Fidschiinseln gefordert. So lief das eben.
„Ich werde im Logbuch vermerken, dass ihr 49 Sekunden lang ohne mich die Stellung gehalten habt, ohne dass das Schiff in die Luft geflogen ist. Zurück auf der Erde werdet ihr alle eine Tapferkeitsmedaille bekommen“, witzelte Roger und die anderen anwesenden Crewmitglieder reckten übertrieben eingebildet die Nasen gen Himmel, welcher nicht vorhanden war, weil sie sich in einem Raumschiff befanden.
„So, wo das jetzt geklärt ist, können wir ja an die Arbeit gehen“, stellte Roger fest und setzte sich elegant auf den Kommandantensessel. „Irgendwelche besonderen Vorkommnisse letzte Nacht?“
„Keine“, antwortete Jenikk, der grünere der beiden Außerirdischen, die mit von der Partie waren, an der Sensorenkontrolle. Es sah immer lustig aus, wenn er sich umdrehte, und die blinkenden Lichter hinter ihm durch seine abstehenden Ohren hindurchschimmerten. Eine weitere Besonderheit war seine ausgeprägte Leidenschaft für Teppiche, weswegen der ganze Boden seiner Kabine damit bedeckt war. „Obwohl… Da wäre doch etwas. Die Kaffeemaschine ist kaputt.“
„Och nö“, sagten alle, die nicht bei der Nachtschicht dabei gewesen waren, im Chor. Es war immer sehr ärgerlich, wenn es keinen Kaffee gab, denn der war unbedingt nötig, um sich vor allem nachts bei der (in insgesamt etwa 90% der Zeit langweiligen) Arbeit wach zu halten. Und die Kaffeemaschine, ein billiges Fabrikat aus Osteuropa zum Schleuderpreis, ging ständig kaputt.
„Dann sollte einer von euch gleich mal beim Maschinenraum vorbeischauen und Siska fragen, ob sie das repariert“, sagte Roger zu Jenikk und Marilyn, deren Schicht jetzt zu Ende war.
„Kannst du das übernehmen, Mary?“, bat Jenikk die Pilotin, als sie vor der Tür des Lifts standen.
„Nur, weil sie letztes Mal mit einem Schraubenzieher nach dir geworfen hat?“
„Ja, genau.“
„Meinetwegen, aber wenn du mich noch einmal ‚Mary’ nennst, machst du das für den Rest des Fluges. Ich heiße Hitch.“

 

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chaste & yvi